neuschnee audio module

Neuschnee hören

Man hätte den Schnee fallen hören können, so leise war es … Doch wenn der Ski-Berg ruft, ist es meistens zu laut zum Flocken hören. Auf den Hängen gibt es eine ziemlich vielschichtige Geräuschkulisse, in die Skifahrer mit ihren Instrumenten einstimmen. Im Workshop NeuschneeTreiben geht es einen ganzen Tag lang um unterschiedliche Hör-Eindrücke beim Skifahren.

Die akustische Wahrnehmung beim Skifahren ist ein relativ unerforschtes Feld. Während viel Fokus auf visuelle Eindrücke und zunehmend auch mehr auf kinästhetische und andere Faktoren gerichtet ist, spielen die gehörten Informationen noch eine untergeordnete Rolle. Der Hör-Sinn hat aber für den Menschen eine besondere Bedeutung. Er ist immer „auf Draht“. Das menschliche Gehör ist Schallreizen permanent ausgesetzt. Anders als die Augen, kann man die Ohren nicht einfach zu machen. Um eine Reizüberflutung zu vermeiden, werden deshalb Informationen, die für den Moment nicht besonders relevant sind, einfach ausgeblendet. Trotzdem werden diese Informationen registriert und gelangen ins Bewusstsein wenn sie gebraucht werden.

Im Workshop „Schnee hören“ werden unterschiedliche Vorgänge des Hörens beim Skifahren näher betrachtet. In drei unterschiedlichen Modulen werden akustische Wahrnehmungs-Experimente durchgeführt.

Ski-Stethoskop
Das Hören, nach innen.

Wie klingt meine Kurve? Wie schallt Geschwindigkeit? Wie hört sich heute der Schnee an? Skifahrer nehmen die Vibrationen und Schwingungen, die während der Fahrt an den Skis entstehen unbewusst durchaus wahr, eine Reflexion dieser Sinnes-Reize ist jedoch schwierig. Die Geräusche sind komplex, die Ablenkung durch visuelle und andere vordergründigere Eindrücke groß.

Durch das Ski-Stethoskop wird das Zusammenspiel von Ski, Schnee und Bewegung hörbar gemacht. Mit Körperschall-Mikrofonen werden die Klänge, die direkt am und im Ski entstehen aufgenommen. Alle anderen, durch die Luft transportierten Geräusche werden ignoriert. Verstärker und Kopfhörer transportieren die Ski-Geräusche gefiltert ins Ohr. Das Ski-Stethoskop ermöglicht dem Skifahrer ganz präzise zu hören, was an der primären Schnittstelle zwischen Mensch und Schnee passiert.

ski stethoskop

Die Geräusche, die während der Fahrt entstehen, werden parallel zum unmittelbaren Hören aufgezeichnet. Das spätere ‚Wieder-Hören‘ ermöglicht eine neutralere Position zum Gehörten und Vergleiche. Wie klingt ein langer Schwung auf der Kante, wie ein kurzer gedriftet? Wie unterschiedlich klingen unterschiedliche Geschwindigkeiten? Mit den so gewonnenen Eindrücken kann bei der nächsten Fahrt bewusst experimentiert und gespielt werden.

Pisten-Mikrofonie – Field-Recording
Das Hören, nach außen.

Während einer konzentrierten Fahrt, blendet der Skifahrer weniger relevante Informationen aus. Dazu gehören auch Geräusch-Wahrnehmungen, die nicht unmittelbar mit der Fahrt zu tun haben. Dieses Ausblenden bedeutet aber nicht, dass die Geräusche nicht wahrgenommen werden, sie werden so lange „überhört“ so lange sie keine wichtigen Informationen liefern. Bei Gefahr etwa. Zum Beispiel wenn sich ein Skifahrer außerhalb des Blickfelds rasch nähert. Dann treten die heran nahenden Kantengeräusche schlagartig ins Bewusstsein und ermöglichen Aktionen um einen Zusammenstoss zu vermeiden.

Für dieses Modul werden zwei Mikrofone in der Position der Ohren angebracht. Ein Recorder zeichnet die Schallkulisse während der Abfahrt auf. So entsteht ein persönliches ‚Field-Recording‘ der Fahrt. Man kann „nach hören“ welche Geräusche bewusst und unbewusst beeinflussen und verblüfft feststellen, wie viel man überhört hat, wie vielschichtig sich unsere hörbare Welt gestaltet und was sich verändert, wenn man diesen ‚Kleinigkeiten‘ Aufmerksamkeit schenkt.

Schwung-Synthesizer – Sonifikation
Das Hören gestalten.

Beim Skifahren wird oft von rhythmischen Schwüngen oder einer harmonischen Fahrweise gesprochen. Umgangssprachlich wird sogar die Lautstärke bemerkt. Jemand der sehr schnell fährt, fährt in Österreich oft „laut“. Ein gefühlvoller Fahrer schleicht „leise“ über den Schnee. Offensichtlich haben Musik und Skifahren also einiges gemeinsam. Beide nützen die physikalische Eigenschaften der Natur und von Instrumenten um zu spielen.

Für das Skifahren sind neben den Eigenschaften des Schnees und der Skis besonders die Umgebungskräfte wichtig. Es geht um ein Wechsel-Spiel zwischen den Wirkungsfeldern von Gravitation und Fliehkraft. Dabei treten Kurvengeschwindigkeiten auf, die man körperlich spürt und mittlerer weile auch recht einfach messen kann. Beschleunigungssensoren oder Accelerometer befinden sich bereits in jedem modernen Smart-Phone. Sie zeichnen Beschleunigungskräfte auf und wandeln sie in elektronische Signale um.

Für das Modul Schwung-Synthesizer wird ein Mini-Synthesizer mit den Daten eines Acceleromters gespeist. Die Klänge, die dabei entstehen, werden durch die auftretenden Beschleunigungskräfte bestimmt. Beschleunigen und Bremsen; die sanfte Fliehkraft eines langsamen Schwungs oder das komplexe Muster von Be- und Entlastungen bei einer schnellen Kurve über eine Kuppe bestimmen, gemäß ihrer Intensität, den Klang des Synthesizers. Das Skifahren an sich wird zur „Klaviatur“ des Instruments, der persönliche Fahrstil Ausdrucksmittel auf einer vollständig anderen Ebene. Wir sind gespannt, wie sich der Umgang mit dem Gelände verändert, wenn sich der Fokus beim Fahren plötzlich auf das Spielen einer Melodie verschiebt.

Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Alfred Effenberg, Leibniz Universität Hannover, ist ein Pionier in der Erforschung der Sonifikation im Zusammenhang mit Bewegung und Sport. Bereits 1996 erschien sein erstes Buch zu diesem Thema: Sonification – Ein akustisches Informationskonzept zur menschlichen Bewegung. Schorndorf: Hofmann.

Einen Einblick dazu bietet die Arte Sendung „Archimedes“ vom 28.01.2003
Video, 8 Min.

Die Akkustik Module des Workshops „Neuschnee“ sind Entwicklungen des Teams  Praxistest .  Der Workshop „Schnee hören“ findet am Donnerstag den 10.2.2011 im Rahmen des Projekts „Neuschnee“ statt.

Informationen zum Gesamtprogramm

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