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Der Skifahrer-Blick

Oft gehört, aber kaum hinterfragt: „Der Blick steuert die Bewegung. Man fährt dort hin, wo man hinschaut!“ Das klingt für den wenig Geübten zwar simpel und leicht nachvollziehbar, doch Tempo-Profis sehen (das) anders: „Schau, wohin Du fährst!“ Das eröffnet neue Perspektiven, denn der Skifahrer-Blick hat viel mehr Bedeutung, als nur das richtige Anvisieren eines Ziels.

Für Bewegungen die effizient und leicht ausfallen sollen, muss man alle Körperteile, die an der Bewegung beteiligt sind, differenzieren und unabhängig voneinander bewegen können. An den meisten Bewegungen sind auch unsere Augen beteiligt. Da die Augenbewegung sehr selten von der Bewegung des Kopfs bewusst unterschieden wird, ist es für viele Menschen sehr schwierig Nacken und Augenmuskulatur unabhängig voneinander zu bewegen. Aber es ist natürlich möglich und lässt sich auch für Erwachsene wieder lernen. Die Erkenntnis: „Der Blick steuert die Bewegung“ ist also anatomisch nicht korrekt und beim Skifahren oft auch nicht zweckmäßig.

Natürlich ist es wichtig, beim Skifahren möglichst weit nach vorne zu schauen und nicht auf die Skispitzen. Doch mindestens genau so wichtig ist es zu jeder Zeit die Orientierung in der unmittelbaren Umgebung zu behalten. Nur so kann man entsprechend auf Schneezustand und Unebenheiten reagieren. Rennläufer besichtigen deshalb jede Strecke genau. Für sie ist es undenkbar Pisten im Renntempo abzufahren, die sie nicht kennen. Im Bewusstsein von Hobby-Skifahrern hat das Kennenlernen der Strecke selten Priorität. Doch nur auf einem Hang, den man kennt, kann man sich voll auf die Fahrt konzentrieren und mit der Linie spielen.
Beim Kennen lernen einer Strecke prägt man sich unterschiedliche Punkte ein.

Aktionspunkte – Zielpunkte – Orientierungspunkte

Die Kombination von Ziel-, Aktions- und Orientierungspunkten ist das Um und Auf für den Radar-Blick, der für den ambitionierten Skifahrer unerlässlich ist.

Aktionspunkte
Diese Punkte sind wichtig zur richtigen Vorbereitung auf kommende Aktionen. Wo muss ich Tempo wegnehmen? Wo leite ich die Kurve ein? Wo kann ich es richtig laufen lassen?

Zielpunkte
Ebenso wichtig ist auch der Blick am Kurvenbeginn. Bereits am Schwungansatz richtet sich der Blick so weit wie möglich in die Fahrtrichtung und die führt zu einem bereits sichtbaren Zielpunkt. Das sichtbare Ziel ist abhängig von Gelände und Geschwindigkeit und wäre idealerweise ein Aktionspunkt für die Einleitung der nächsten Kurve. Zielpunkt und Aktionspunkt können allerdings nicht immer ident sein, beispielsweise wenn im Abfahrtslauf, die nächste Kurve hinter einer Kante eingeleitet wird. Hier beginnt die Hohe Schule der Linienwahl, die einerseits im engen Zusammenhang mit Orientierungspunkten steht, siehe nächster Absatz. Und andererseits viel Imaginationsfähigkeit des Fahrers voraussetzt. Er muss über die Vorstellungskraft verfügen, die Aufmerksamkeit auf einen Unsichtbaren Punkt zu richten. Wichtig für die ersten Schritte beim Streckenstudium ist deshalb ein übersichtlicher Hang, bei dem der Zielpunkt gleichzeitig der erste Aktionspunkt für die neue Kurve ist. Auf dem Weg zum gewählten Ziel ist entscheidend, dass man diesen Punkt wirklich ständig im Fokus zu behält.

Orientierungspunkte
Neben den Ziel- und Aktionspunkten gibt es Orientierungspunkte. Während der Fahrt sieht man sie zwar nicht bewusst, sie geben aber Feedback ob man am richtigen Weg zum gewählten Zielpunkt ist. Orientierungspunkte können Geländeunebenheiten direkt an der gefahrenen Linie sein, oder markante Punkte an der Strecke, wie Bäume, Zäune oder Pistenmarkierungen. Je schneller man fährt und je unruhiger und unübersichtlicher das Gelände ist, desto wichtiger sind diese Orientierungshilfen. Welche Orientierungspunkte man wählt, ist an sich Geschmackssache. Allerdings müssen sie im Blickwinkel zum Zielpunkt liegen, sonst richtet sich die Aufmerksam sofort von der geplanten Linie weg.

Besonders  wichtig! Auf die Orientierungspunkte richtet man nur kurz die Aufmerksamkeit, auf keinen Fall aber die Augen! Das lässt sich trainieren, indem man den Blickwinkel nach und nach bewusst erweitert. Nicht die Bewegung der Augen, sondern die wechselnde Aufmerksamkeit macht den Blick weit.


Scannen und Antizipieren
Hat man sich den Hang nun gut angesehen, kann es mit der ersten „Trainingsfahrt“ losgehen. Man „scannt“ während der Fahrt die Strecke mit all ihren Feinheiten. Wichtig ist immer nur den nächsten Ziel- oder Aktionspunkt im Visier zu behalten. Nur die Aufmerksamkeit, nicht aber der bewusste Blick, gleitet über die Orientierungspunkte. Am Weg zum Aktionspunkt, bei dem die nächste Kurve eingeleitet wird,  hat man diesen Punkt so früh wie möglich vor Augen. So ist man sich sehr gut auf das Einleiten der Kurve vorbereitet. Man kann die Bewegungen sehr gut antiziperen und schon in der Anfangsphase der Kurve, noch bevor die eigentliche Bewegung beginnt, den nächsten Aktionspunkt anvisieren.

In der Praxis
Bei mir geht, bedingt durch viel Rennlauferfahrung von klein an, das Erfassen jeder Strecke ganz automatisch. Bevor ich losfahre, habe ich ein klares Bild meiner Linie, weiss wo ich Tempo wegnehme und die Kurve beginne. So kann ich mich während der Fahrt ausschliesslich auf mein Tun konzentrieren und Schnee und Geschwindigkeit viel besser spüren. Da ich überzeugt bin, dass der richtige Blick für jeden Skifahrer und besonders für weniger Geübte eine grosse Hilfe ist, rege ich in meinen Workshops immer wieder zum „richtig hin schauen“ an. Und Aufwärmübungen für den Weitblick stehen stets am „Programm-Anfang“ des Skitags.