Laenge laeuft angeblich

Länge läuft – angeblich

Die FIS will mit neuen Latten die Sicherheit der Läufer erhöhen, arbeitet aber an den Athleten vorbei. Artikel von Nicola im Online Standard.

„FIS will Carvingski schrittweise verbieten“, so titelte am Montag orf.at einen Bericht, in dem FIS-Renndirektor Günter Hujara zitiert wurde. Er möchte mit dieser Reform die Sicherheit der Läufer erhöhen, indem man „das aggressive Potenzial aus dem Ski“ nimmt, teilte er im ORF-Hörfunk mit. Die Ski sollen wieder länger und schmäler werden.

Ein Bekannter, schon älterer Herr, rief mich deshalb ziemlich aufgeregt an. „Darf ich jetzt mit meinen Ski nicht mehr fahren?“ Er war nicht der einzige Verwirrte. Mit dieser Ski-Neuigkeit, hatten auch Insider nicht gerechnet, zumal vereinbart war, gemeinsam mit Athleten-Vertretern und Industrie über die Ergebnisse einer Sicherheits-Studie zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu suchen. Die Studie blieb bis zur Verkündung der Ergebnisse streng geheim.

„Schnapsidee“

Als ob man mit dem Waffenrad bei der Österreichischen Radrundfahrt die Glockner-Etappe fahren würde. So hörte man Sigi Voglreiter, den Rennsport Verantwortlichen bei Fischer Ski, in einem Radio-Statement vergleichen. Rainer Salzgeber, sein Kollege bei Head drückt sich in einem Vorarlberg-Online-Interview noch direkter aus. Schnapsidee meint er und fügt später noch hinzu, dass man sich so auf den Entwicklungsstand der 1980er begibt.

Kilian Albrecht, Athleten-Vertreter der FIS, zeigte sich von der Mitteilung der bevorstehenden Regeländerungen betroffen. Wieder einmal wurden die Läufer ignoriert, eigentlich richtig betrogen. Mit der Versprechung an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten, wurden sie einfach nur ruhig gestellt. Unmut über viele Aspekte der Sicherheit macht sich ja schon länger breit. Statt zu reden wurden die Athleten ebenso so wie die Skifirmen, lediglich über die Änderungen informiert.

Thema Pistenpräparierung

Kurt Hoch, ehemaliger Chefrenndirektor der Damen, kann der sogenannten Material-Revolution auch nichts abgewinnen. Er spricht von der Pistenpräparierung als Ursache des Übels. Mit Sprühbalken vereiste Strecken erfordern viel aggressiveres Skimaterial als gut durchgehärtete Kompakt-Schneepisten. Aggressives Ski-Material definiert sich allerdings nicht in erster Linie durch radikale Sidecuts, sondern besonders auch durch die Elastizitätseigenschaften des Skis. Ein Ski mit extrem hoher Torsionssteifigkeit, wie er auf blankem Eis eingesetzt wird, bleibt seiner Spur treu. Wer sich dem Konstruktions-Gedanken widersetzen will oder muss, wird meist abgeworfen.

Kurt Hoch, von 1997 bis 2006 als Renndirektor der FIS tätig, war schon damals ein Gegner vereister Pisten. Er plädierte für reduzierte Standhöhen, die sich als Segen erwiesen und versuchte den Läufern konstant griffige Konditionen anzubieten. Während dieser Zeit verzeichnete man keine Zunahme an Verletzungen. Auch heute vertritt er nach wie vor die Ansicht, dass man Schnee auch ohne Sprühbalken bestens für Rennstrecken präparieren kann. Das ließe auch feinere Modulierungen des Geländes zu.

Weg vom Eislaufplatz

Weg vom Eislaufplatz und zurück zum Schnee, dies forderten zuletzt auch zahlreiche Läufer bei der WM in Garmisch-Partenkirchen. Kilian Albrecht formuliert noch einen weiteren konkreten Wunsch der Athleten. Eine Kurssetzung, die auf eine moderne dynamische Fahrweise besser eingeht. So könnte man auf das aggressive Setup des Materials weitgehend verzichten. Die Athleten sind überzeugt, damit das Verletzungsrisiko erheblich senken zu können.

Von der Mitsprache der Athleten hält Karl Frehsner naturgemäß nichts: „Die sollen fahren und wenn einer Angst hat soll er halt oben bleiben.“ Im Nachsatz relativiert er allerdings seinen gewohnt „eisernen“ Ansatz. Dazu sei es nötig, qualifiziertes Experten-Wissen vor persönliche taktische Überlegungen zu stellen und den Fahrern beste Bedingungen anzubieten. Und dann spricht der Stratege das Problem an der üblen Wurzel an: Skifahren findet in einem Amateur-Zirkus statt, nicht in einer Profiliga. Da sprechen Leute mit, die ihr Amt mehr zur Darstellung der eigenen Person als zur Herstellung optimaler Strukturen benutzen. In Relation zum Aufwand für ein Skirennen, findet Karl Frehsner den Skisport weltweit gesehen einfach zu unpopulär, um die Mittel für eine echt professionell arbeitende Basis-Struktur aufzutreiben. Über die Änderung am Materialsektor meint er trocken: da ist jetzt einmal ein echter Eingriff angedacht. Vielleicht die einzige Chance um den Menschen drastisch klar zu machen, dass Rennmaterial und Ski für den Hobby-Gebrauch nichts miteinander zu tun haben.

Beginn einer Revolution?

Es ist zu bezweifeln, dass Skifahren jemals so populär wird wie Sportarten, die jeder mit weit weniger Aufwand direkt vor der Haustüre findet. Zweifelsohne werden sich allerdings Strukturen ändern müssen, um den Rennsport frisch und attraktiv für Zuschauer und alle Beteiligten zu gestalten. Vielleicht setzt der Versuch des Rückgriffs auf lange Latten eine Revolution in Gang, die die hierarchische Ski-Organisation so lange beutelt bis ein Demokratisierungs-Prozess ins Laufen kommt. Länge läuft angeblich … diesmal vielleicht auch in eine ganz andere Richtung. (Nicola Werdenigg; 20. Juli 2011)

derstandard.at

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