FIS Material-Studie – unzureichend!

Man soll zwar keine schlafenden Hunde wecken, schon gar nicht bevor die Speed-Bewerbe am Hahnenkamm und in Wengen über die Bühne gegangen sind. Trotzdem darf man sich freuen. Der heurige World-Cup Winter verlief bislang äußerst Verletzungsarm. Und das obwohl mit Skis gefahren wird, die nach Ansicht der FIS Experten viel zu aggressiv und deshalb zu gefährlich sind.

Ignoranz

Es wurde daher eine Änderung der Materialregeln für die Saison 2012/13 beschlossen. Die GS Skis werden länger und mit drastisch größeren Konstruktionsradien verordnet. Die Meinung der Athleten dazu wurde nicht beachtet, obwohl 80% der World-Cup Aktiven eine Petition dagegen unterschrieb. Auch die Mehrheit der Ski-Industrie zeigte sich alles andere als erfreut. Enorme Entwicklungskosten sind neben anderen Punkten ein Faktor, der es der ohnehin gebeutelten Branche nicht einfacher macht.

Schuss ins Knie

Dass die neuen Materialregeln in puncto Sicherheit ein sprichwörtlicher Schuss ins Knie werden können, davor warnte David Dodge, anerkannter Skiexperte und Biomechaniker aus USA, in einem offenen Brief die FIS. Er verweist dabei unter anderem auf Langzeit Studien, die belegen, dass gute Carving-Eigenschaften am Ski, das Knieverletzungsrisiko senken. Dodge hegt dabei ganz offene Zweifel an der wissenschaftlichen Logik, die hinter der Studie zur Änderung der Materialregeln steckt.

Tendenziöse Wahrnehmung in der Ursachenforschung

Bei genauer Betrachtung der Studie tun sich mir nicht nur Zweifel an der Logik auf. Ich halte die Vorgehensweise der FIS im Bezug auf die Sicherheit der Athleten für grob fahrlässig. Informationen, die nicht reglementierbar sind wurden ausgeblendet, da sie für die Forschung zusätzliche Irritationen bedeuten würden. Die Studie beruht auf tendenziösen Annahmen und die Regeln widersprechen zum Teil sogar den Ergebnissen.

Unzureichend, widersprüchlich, tendenziös

Wer eine Studie so abqualifiziert, muss ins Detail gehen, um sich nicht selbst dem Vorwurf der Unseriosität auszusetzen:

1. Unzureichende Betrachtung des Materials

Die Studie berücksichtigt nur die geometrischen Parameter von Skis. Alle anderen Parameter wurden in der Untersuchung ausgeklammert, da sie vorab als schwer oder nicht reglementierbar eingestuft wurden.

Zum Beispiel:

– Die allgemein bekannte Tatsache, dass die elastitizäts Parameter eine entscheidende Rolle für die Fahreigenschaften eines Skis spielen und unabhängig von den geometrischen Parametern verändert werden können, findet keine Berücksichtigung.

– Aus der Studie geht nicht hervor wie sich das neue Skimaterial im Hinblick auf die Kompatibilität mit anderen Ausrüstungsteilen (Schuhe, Platten, Bindungen etc.) verhält bzw. wie diese Teile adaptiert werden können.

2. Unzureichende Betrachtung von Athleten

Die Studie befasst sich nicht mit den tatsächlichen unterschiedlichen Auswirkungen des neuen Materials auf unterschiedliche anatomische Voraussetzungen von Läufern.

Zum Beispiel:

– In der Studie fehlen die tatsächlichen Werte für Frauen und Nachwuchsläufer, da die Materialtests ohne weibliche und jugendliche Testpersonen durchgeführt wurden.

– Frauen müssen zukünftig mit Radien und Längen fahren, die in der Studie als am gefährlichsten ausgewiesen wurden. In der Studie fehlen aber die Angaben über die Art der Hochrechnung der Werte für den Frauen- bzw. Nachwuchsbereich.

3. Unzureichende Betrachtung von Bedingungen

Die der Studie zugrunde liegenden Tests wurden nicht unter Wettkampf-Bedingungen durchgeführt.

Zum Beispiel:

– Die Länge der Testläufe (20 – 34 Sekunden Fahrzeit) lässt keine Rückschlüsse auf den Ermüdungsfaktor zu, der in der Ursachen-Erhebung für Unfälle als Evident eingestuft wurde.

– Es ist davon auszugehen, dass die Probanden die Testläufe nicht mit vollem Wettkampf-Risiko absolvieren konnten oder wollten („Daten-Rucksäcke“, Verkabelungen, ungewohntes Material)

4. Unzureichende Betrachtung von indirekten Folgen

Die Auswirkungen des neuen Materials auf indirekte Risikofaktoren wurde nicht untersucht.

Zum Beispiel:

– Die Auswirkungen von zu erwartenden erhöhten Driftanteilen auf die Pisten-Qualität wird nicht beachtet.

– Es besteht erheblicher Grund zur Annahme, dass die Athleten ihre Fahrtechnik mit dem neuen Material im Hinblick auf höchste Effizienz umstellen werden. Es wurde nicht untersucht welche Gesundheits/Verletzungs-Risiken eine veränderte Fahrtechnik in sich birgt.

Schlafende Hunde soll man nicht wecken

Die FIS Funktionäre richten sich zweifelsfrei an der Wahrnehmung und dem Handeln der eigenen Person oder „ihrer“ Institution aus. An ihrer Geltung, Wirkung und Absicherung und nicht an der „Sache“. Sache der FIS wäre, die an sie gestellte Aufgabe zu lösen. Für ein grösstmögliches Mass an Sicherheit zu sorgen.  Sie tut das Gegenteil. Statt relativ einfache und unbedenklichen Veränderungen wie Luftdurchlässigkeit an Rennanzügen durchzusetzen, gräbt man in einem Feld in dem der Verletzungshund so richtig begraben sein könnte. Sollten dabei Schaden entstehen, werden die Funktionäre aber sicher auch für die nächste Saison einen schwarzen Peter aus dem Talon ziehen.

1 Antwort
  1. Andrea Sendlhofer
    Andrea Sendlhofer says:

    grossartiger Artikel, ich bin froh, dass es Menschen gibt, die Worte, Gedanken und Tatsachen so perfekt verfassen koennen. Jedes Wort hat Hand und Fuss, nur weiter so Ihr kaempfer fuer eine bessere Zukunft von Schirennlaeufern. Vor allem fuer eine offenere Zukunft mit mehr Mitspracherecht fuer Rennlaeufer. Wir alten Hasen sind aufgerufen die new Generation of Rennlaeufern zu unterstuetzen.
    LG Andrea

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar