Sie Alpin – Frauen im Skisport II

Ulli Maier

29.1.1994, 13:01 Uhr, Ulli Maier stürzte bei der Kandahar Weltcup-Abfahrt in Garmisch und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu.

Der  fatale Sturz wird zum schwierigen Fall

Über die genaue Verletzungsursache gibt es verschiedene Meinungen. Beobachter sagen, dass sie mit dem Kopf gegen einen unglücklich positionierten Holzpfosten einer Zeitnehmung prallte, der entgegen den Vorschriften nicht angesägt war.

Im Gerichtsverfahren wurde jedoch festgestellt: „Durch den Aufprall der Läuferin mit dem Gesäß auf den Schneekeil wurde die schnelle Drehbewegung abrupt abgebremst. Weil aber die Rotation noch mit einer Masse von etwa 400 Kilo auf den Kopf einwirkte, kam es zur tödlichen Verletzung.“ So stellte der Münchner Oberstaatsanwalt Hoedl am 14. Oktober 1994 das Verfahren ein: Alle Sicherheitsbestimmung der FIS seien eingehalten worden.

Ulli Maiers Lebensgefährte und Vater der gemeinsamen Tochter erzielte eine Wiederaufnahme. Das Verfahren nahm jedoch am 23. April 1996 bereits nach dem zweiten Verhandlungstag ein überraschend schnelles Ende. Die FIS erklärte sich bereit – „nicht aus rechtlichen Gründen, sondern aus moralischer Verantwortung“ – zur Versorgung von Ulli Maiers Tochter 600.000 Schweizer Franken auf einen Fond einzuzahlen.

Moralische Verantwortung

Die wirkliche „moralische Verantwortung“ der FIS zeigt sich in einer anderen Reaktion auf Ulrike Maiers Tod und den Gerichtsprozeß: Seit der Saison 1994/95 müssen alle an FIS-Bewerben teilnehmenden Athleten eine Lizenz beantragen. Die erhält nur, wer eine Erklärung unterschreibt, dass er/sie die Verantwortung für die Risiken, die naturgemäß dem Rennsport innewohnen, übernimmt und die FIS, den nationalen Skiverband und die Organisatoren von jeglicher Haftung befreit. Athleten Erklärung FIS – PDF

Solche Erklärungen sind im Profi-Sport nicht ungewöhnlich und auf den ersten Blick gerechtfertigt. Man attestiert den Läufern oberflächlich gesehen damit ja den freien Willen und das persönliche Bewusstsein für Riksiko. Schaut man die FIS Athleten Erklärung genauer an, findet man allerdings haarsträubende Zusammenhänge.

Paradox

Einerseits müssen die Athleten Verbände, Funktionäre, Direktoren (steht wörtlich in der Erklärung), Freiwillige und Organisatoren von jeglicher Haftung befreien. Andererseits aber zustimmen, dass sie selbst die Haftung für von ihnen hervorgerufenen Schäden an Dritten oder Sachschäden übernehmen. Die Erklärung beinhaltet auch, dass die Athleten für die Wahl, der geeigneten Ausrüstung selbst verantwortlich sind. Sie müssen jedoch akzeptieren, dass ihre Teilnahme an FIS Wettkämpfen mit der Einhaltung sämtlicher Regeln, Bestimmungen und Verfahren der Internationalen Wettkampfordnung verbunden ist.

Zur Erinnerung: Die FIS schreibt Frauen für die Saison 2012/13 Skimaterial vor, das der FIS eigenen Studie zufolge gefährlicher ist, als das bestehende Material. Die Studie kann nicht auf Testwerte mit Frauen zurückgreifen. Zahlreiche Einsprüche von den Athleten und Athletinnen gegen das neue Material wurden einfach ignoriert, obwohl in der Athleten Erklärung von ihnen verlangt wird, dass sie die Renn-Jury über allfällige Sicherheitsbedenken umgehend zu informieren haben.

Wenn Frauen und natürlich auch Männer oder die Eltern von unmündigen Nachswuchsläufern finden, dass ihnen das vorgeschriebene Skimaterial zu gefährlich und somit nicht geeignet ist, bleibt ihnen, wenn sie sich an alle Regeln halten wollen nur eines: auf die Teilnahme an Rennen zu verzichten! Nur mal angenommen eine Mehrheit der Läuferinnen würde sich beim ersten Rennen der nächsten Saison strikt an die Regeln der Athleten Erklärung halten – die FIS Funktionäre sprächen bestimmt von Streik und Meuterei!

Höchste Zeit

Um mit Rosa Mayreder zu sprechen: „Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten.“ Vielleicht braucht es um zum  Thema Sicherheit die Funktionäre wachzurütteln  ja einfach nur einmal einen stark geeinten Women-Power Auftritt? Es wäre wünschenswert, wenn die Offiziellen die Frauen zumindest dann ernst nehmen, wenn sie sich klar an die Regeln halten. Wenn nicht, tut das bestimmt die Öffentlichkeit. Sie hätte dann vielleicht sogar ein besseres Ski-Frauen Thema als Frauen-Unterwäsche, Freundschaftskrisen und Scheidungen.

RIP †

Seit 1959 sind 19 Menschen im alpinen Rennsport umgekommen. Nicht nur namhafte Fahrer sondern auch nicht prominente, sehr junge Menschen. Es gibt verunfallte Läufer früherer Jahre, die in der FIS Datenbank nicht aufscheinen. Unter ihnen auch Ross Milne, der beim Abfahrtstraining zu den olympischen Spielen 1964 verstarb. Hier ein Auszug aus der FIS Athleten-Datenbank mit direkt bei FIS Veranstaltungen tödlich verunglückten Läuferinnen und Läufern:

BOZON MICHEL, FIS Code 10642. Status: Retired (Anm. Kunstpiste: †23.01.1970)
REINSTADLER GERNOT, FIS Code 50307. Status: Retired (Anm. Kunstpiste: †19.01.1991)
MAIER ULRIKE, FIS Code 55048. Status: Not active (Anm. Kunstpiste: †29.01.1994)
MCGIBBON Kirsteen, FIS Code 225059. Status: Retired (Annm. Kunstpiste: †16.01.1996)
ELMER WERNER, FIS Code 511020. Status: Retired (Anm. Kunstpiste: †10.12.2002)

Status: Zurückgetreten, im Ruhestand? Nicht aktiv? !! Zynisch oder einfach dumm und pietätlos, die FIS Bürokratie? Lediglich bei Ulli Maier befindet sich vor dem Namen ein Kreuz. Hier wurde auch der Status nachträglich von „retired“ auf „not active“ geändert. Für den Todesfall auf der Renn-Piste hat die FIS bislang offensichtlich noch keine geschmackvolle Lösung für die Hinterbliebenen gefunden. Zumindest nicht in der Datenbank.

Zu Seite 1/2 Frauen im Skisport. Diskriminiert. Immer noch!

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