Totalisierung im Schnee II

Enge (Ski)Bindung

Die Institution Ski-Hochleistungssport versucht die Athleten möglichst eng an sich zu binden. Österreich ist ein Parade-Beispiel für Totalisierungstendenzen des Ski-Spitzensports. Es gibt keine andere Nation, für die Skirennlauf einen so hohen Stellenwert hat. Viele Eltern sind ehrgeizig bemüht ihren Kindern Ansehen und Karriere durch Skisport zu „ermöglichen“. Oft wird im Kindergarten-Alter mit gezieltem Training begonnen. Das erste große Ziel scheint erreicht, wenn der Nachwuchs die Aufnahme in einen „Kader“ des regionalen oder gar nationalen Skiverbands erreicht.

Mit Zuckerbrot und Peitsche
Auf dieser Ebene setzt der Totalisierungs-Mechanismus des Spitzensports so richtig ein. Die Totalisierung betont ihre eigene Rigidität kontinuierlich durch starke Reglementierung des Verhaltens und der Einschränkung des Handlungs- und Entscheidungsfreiraumes der Athleten.  Auf der einen Seite durch strenge Regeln, strikte Zeitpläne und harte Auslese. Auf der anderen durch Lob und Anerkennung abwechselnd mit Kritik.

Allmächtiger SkiGott
Nur wer sportlich sehr talentiert ist, konsequent trainiert und menschlich alle Härten verkraftet, schafft es in die höchste Ski-Liga, den Ski World-Cup. Hier hängt der Alltag und das Handeln der Aktiven zusätzlich zum nationalen Verband noch mehr an den Regeln und dem Rennkalender der FIS. Gewaltenteilung gibt es beim Ski-Weltverband nicht. Allgewaltig ist er gleichzeitig Legislative, Exekutive und Judikative.

Manchmal zu eng
Die Beengung kann bei mündigen, reflektierenden Athleten unter Umständen dazu führen, auf die weitere Ausübung der sportlichen Karriere zu verzichten. Manche schlagen auch bewusst den Weg des „enfant terrible“ ein. Athleten die sich für den Verbleib in der Institution Rennsport entschließen, verhalten sich oft ähnlich wie Insassen totaler Institutionen.

Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt. (Schiller)
Bemerkenswert ist, dass sich viele Athleten durch die rigiden Vorgaben und Sanktionen der nationalen Verbände und der FIS nicht bzw. kaum in ihrer Handlungs- und Entscheidungsfreiheit eingeschränkt zu fühlen scheinen. Das Denken und Handeln von Athletinnen und Athleten wird zwar über den gesamten Karriereverlauf von direkten Umfeldakteuren geprägt. Viele sprechen sich aber gegen den Sachverhalt der Einschränkung der persönlichen Freiheit öffentlich und direkt aus.

Damit alles passt
Man könnte vermuten, dass die Anpassungsleistungen an den internationalen Spitzen-Skisport und die dort vorherrschenden Strukturbedingungen von den meisten als ein „normaler“ bzw. „unabänderbarer“ Bestandteil des gewählten Lebensweges betrachtet werden. Neben den unreflektierten Anpassungsmechanismen, existieren auch solche, die dem Individuum gewisse, teilweise nur subjektiv gefühlte Freiheiten im Umgang mit institutionellen Zwängen vermitteln. Sie hängen stark mit dem sportlichen Erfolgen zusammen.

Schneckenhaus und ideale Lebens-Wandlung
Erfolgreiche Athleten wählen häufig entweder den „Rückzug aus der Situation“. Eine ausschließliche, eindimensionale Beschäftigung mit Dingen, die sie als Individuum unmittelbar umgeben. Oder die sogenannte „Konversion“. Das akzeptieren und verinnerlichen einer institutionalisierten, gut vermarktbaren „Ideal-Biographie“.

Exodus
Die Strategie der „Kolonisierung“ kommt im Skisport bei weniger erfolgreichen Sportlern zwar vor. Sie ist allerdings relativ selten anzutreffen und meistens mit dem Verlust der Kaderzugehörigkeit im nationalen Verband und/oder demVerbandswechsel verbunden. Im von Konkurrenzgedanken geprägten Ski-Alltag sind Kolonien zweckgebunden. Die zur Organisation von Training und Kostenreduzierung beitragenden Zusammenschlüsse sind oft  nur von kurzer Dauer.

Die Schaffung eines spezialisierten Betreuungsumfeldes, die fast auschließlich von sehr erfolgreichen Athleten betrieben wird, ist eine Sonderform der „Kolonisierung“.

Und dann wäre natürlich noch die Meuterei eine Option …

Schon emanzipiert oder noch Furcht vor der Freiheit? Seite 3/3

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