Totalisierung im Schnee I

Dem folgenden Artikel liegt die Dissertation „Internationales Tennis als totale Institution“ von Dr. Natalie Schwägerl in weiten Teilen zugrunde. Ihre empirische und theoretische Untersuchung des Hochleistungsbereichs Tennis stimmt in vielen Bereichen mit meinen persönlichen Erfahrungen und der Kenntnis der aktuellen Lage im Skisport überein. Die Parallelen ergeben sich aus der ähnlichen Struktur der beiden Sportarten. Tennis und Skifahren sind Einzel-Sportarten, die im Wettkampfbereich durch Vereins- und Verbandsstrukturen organisiert werden.
Internationales Tennis als totale Institution – PDF online

Kastrierter Hahnenkamm

Sport, Society, Show. Kitzbühel, Hahnenkamm, Streif. „Das“ Abfahrtsrennen muss um jeden Preis durchgezogen werden. Eine Absage käme einer nationalen Katastrophe für das Ski-Land Österreich gleich. Und so kräht kein Hahn danach, wenn einer kastrierten Streif die wichtigsten Schlüsselstellen wie „Mausfalln“ und „Steilhang“ fehlen. Hauptsache die Promis und die Massen, auch am TV, können den Sieger im Ziel bejubeln.

Ski-Zirkus Clowns
Medial eingeschwungen wird auf der Streif gerne mit den Ski-Gladiatoren vergangener Zeiten. Besonders beliebt sind die Kompilations mit den wildesten Stürzen. Als Füller für unerwartete Pausen nach live Haus gelieferten  Brezen, wird der Kanzler oder der Gouvernator eingeblendet oder über Einfädler und Unterwäsche der Ski-Stars diskutiert. Seltener über mangelnde Einsicht der Funktionäre. Alles Zirkus im Ski-Zirkus.

Warum?
Warum aber riskieren Menschen für das Spektakel Sport ihr Leben? Warum lassen sich Athleten, die zum Siegen ihre Gesundheit riskieren, das bloß gefallen? Warum stehen nicht alle gemeinsam auf und setzen veraltete Funktionäre und Strukturen einfach ab? Wo bleibt der Generalstreik, wenn Strecken, Regeln und Umgangston nicht passen? Der Verdacht keimt auf: Sind etwa Kopf-Sponsorgelder und die Höhe der Siegesprämien die Kennziffern ihrer Unterwürfigkeit?

Ski Total
Nein! Geld alleine genügt nicht um Menschen in Sportverbänden zu unterwerfen. Eine schlüssigere Antwort könnten Soziologen geben. Spitzensport weist starke Parallelen mit totalen Institutionen (z.B.:  Kinder- und Altenheime, Klöster, Gefängnisse oder Schiffsbesatzungen) auf . Sukzessive vereinnahmende Entwicklungen im Verlauf der sportlichen Laufbahn erfahren auch Athleten, die von frühester Kindheit in den Leistungssport eingebunden sind.

Zwanglose Zwänge
Mit „Totalisierungstendenzen“ sind im Ski-Rennsport bereits Grundschul-Kinder konfrontiert. Und je erfolgreicher sie sich im Rennlauf bewegen, desto mehr werden sie vom System vereinnahmt. – Zunahme der Wettkampf- und Leistungsdichte, die Internationalisierung des Renngeschehens, der Anstieg der Erwartungshaltungen. – Die Leistungsanforderungen an den Athleten erhöhen sich graduell. Bei den Eltern und Betreuern fängt Erfolgsdruck oft an, geht über Vereins-Funktionäre, Öffentlichkeit & Medien bis zu den Ausrüstern und Sponsoren … Doch der Athlet selbst empfindet mit Leistungsdruck verbundene einschränkende Phänomene als „zwanglose Zwänge“.

Ersatzrealität
Die Steigerung des Trainingsumfangs und der trainingsbegleitenden Maßnahmen führen zur erschöpfenden Ausnutzung der Zeit. Der Athlet kann über sie nicht mehr frei verfügen. Die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche, wie zum Beispiel Schule, Freundschaften oder Familie, liegt auf der Hand und damit der Wegfall gewohnter Handlungsmuster. Sie müssen kompensiert werden. Der Lebensraum Skisport, mit all seinen spezifischen Besonderheiten als Ersatzlebenswelt bzw. -realität wird voll akzeptiert.

Harsch IV
Anders als öffentlich wahrgenommen, bietet Hochleistungs-Skifahren keine Kontinuierlichkeit der Erwerbschance. Für viele Athleten ist eine finanzielle Absicherung der nachsportlichen Zukunft nicht gegeben. Auch die Möglichkeiten einer Karriere ohne Ski sehen für viele nicht so rosig aus. Die frühe Konzentration auf den Sport und die damit häufig einhergehende Orientierung am Bildungsweg, nicht selten bis zum Schul-Abbruch, schränkt viele auf den Verbleib in der Skibranche ein.

Wenn die Bindung aufgeht
Am Ende der Sportkarriere stehen viele Athleten auch vor dem Verlust ihres sozialen Netzwerks, mit über viele Jahre aufgebauten und gepflegten Beziehungen. Läufer die ihren Leistungszenit längst überschritten haben machen manchmal noch scheinbar ewig weiter. Besonders den Stars mit jahrelanger Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bereitet der Verlust ihrer Sonderstellung und das Fehlen einer Lebensaufgabe beim Übergang in das „normale Alltagsleben“ oft ziemliche Probleme. Und das obwohl sie finanziell abgesichert sind.

Helden vollbringen im Namen einer Idee große Taten und wagen dabei ihr Leben
Über die Grösse der Ski-Renn-Idee kann man streiten. Um die Ski-Helden aber zu verstehen braucht man sie nur von ihrer menschlichen Seite anzusehen. Unter der eng anliegenden Rennhaut vom wildesten Abfahrtshund, der ganz locker über die „Mausfalln satzt“, steckt auch nur ein Mensch. Mit ganz normalen menschlichen Gefühlen und seiner  System-Abhängigkeit. Wenn sich der Zuschauer ernsthaft nach dem „Warum?“ des Leistungssports fragt, muss er auch die Totalisierungstendenzen des Ski-Rennsports hinterfragen, der diese Gefühle zum Selbsterhalt der inneren Strukturen benutzt.

Druck, Zwang und Anpassung im Skisport 2/3

Seite 1/3 – Zwanglose Zwänge. Skistars und ihre Abhängigkeit – aktuelle Seite
Seite 2/3 – Druck, Zwang und Anpassung im Skisport
Seite 3/3 – Schon emanzipiert oder noch Furcht vor der Freiheit?

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