Was haben Yogis und Skilehrer gemeinsam?

Die NYT titelt: „How Yoga Can Wreck Your Body“. Aufgebrachten Yogis kontern: Da könnte man ja auch sagen, dass man sich bei der blossen Hausarbeit oder im Freizeitsport den Körper ruinieren kann. Kann man! Auch beim Skifahren! Mit starren Haltungen sogar ohne Sturz.

„Wie Yoga deinen Körper ruinieren kann“

Ein kürzlich erschienener Artikel in der New York Times verunsichert Yoga-Fans und bringt Yogis auf die Palme. Unter dem Titel „Wie Yoga deinen Körper ruinieren kann“ erschien ein Buchauszug aus „The Science of Yoga“. Es wird von gebrochenen Rippen, kaputten Hüftgelenken, Rückenschmerzen und schwerwiegenden neurologischen Schäden berichtet. Falsches oder zu exzessives Praktizieren der „Asanas“ genannten Übungen seien dafür verantwortlich.


Yoga Lehrer rät: Yoga besser bleiben lassen

Glenn Black, Yoga-Lehrer mit 30jähriger Erfahrung, wird im NYT Artikel zitiert. Er meint, dass die meisten Menschen Yoga besser überhaupt aufgeben sollten. Er empfiehlt die Beschäftigung mit geeigneteren Bewegungsumfängen um mehr Beweglichkeit und eine bessere organische Verfassung zu erlangen. Yoga, so Black, ist etwas für Menschen mit guter körperlicher Kondition. Es kann auch therapeutischen Nutzen haben. Yoga in vorgefertigten Übungsreihen im Allzweck-Gruppen-Kurs lehnt er ab.

Fehlendes Grundlagenwissen bei Yoga Lehrern

Black erkannte trotz langjähriger Erfahrung als Yoga Lehrer, dass ihm grundlegendes Wissen abging. Er wusste nicht wann eine Bewegung oder Haltung für einen Schüler angebracht oder schädlich war, da seine Ausbildung zum Yoga-Lehrer diesbezüglich keinen fundierten Unterricht bot. Wenn Leute mit körperlichen Problemen und Schmerzen eine Übungsreihe einfach durchziehen ist das einfach schädlich für sie, meint der Yogi. Menschen, die nach schweren Verletzungen seine Yoga Kurse aufsuchen möchten, empfiehlt Black die Finger von Yoga zu lassen bis sie körperlich wieder ganz hergestellt sind.

Der NYT Artikel erstreckt sich über 6 Online-Seiten – lesen lohnt sich. Sie zeigen durchaus spannende Fakten auf. Ich möchte an dieser Stelle aber die Kurve vom Yoga zum Skifahren ziehen. Was haben Yogis und Skilehrer gemeinsam?

Methoditis im Skilehrwesen

Fritz Baumrock, Mathematiker und „Skiforscher“ seit mehr als 5o Jahren, hat mir kürzlich in einer eMail geschrieben:

„Im Skilehrwesen herrscht eine resistente Infektionskrankheit, die „Methoditis“. Es geht nicht um das Ziel ‚rasch Skifahren kernen‘, sondern um den Unterricht als Selbstzweck. Schrecklich, wie viele Perlenreihen hinter ihrem jeweiligen Skilehrer herfahren und dessen Verrenkungen unzulänglich imitieren. Wenn Eltern ähnlich arbeiten würden wie die linientreuen Skilehrer, dann würden die Kinder weder sprechen noch aufrecht gehen lernen.


Üben, üben, üben

Der traditionelle Skiunterricht baut ebenso wie Yoga auf Übungssequenzen auf. Es werden Haltungen empfohlen und angestrebt, die zum Erreichen des normierten Schwungs zweckmäßig erscheinen. Ungeachtet der individuellen körperlichen Voraussetzungen der Schüler. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die einen Skikurs aufsuchen ist körperlich alles andere als fit. Hat Schmerzen und Verspannungen, die ihnen sogar beim gemütlichen Spazieren gehen Probleme bereiten.

Wie Skifahren den Körper ruinieren kann

Um in die gleiche Kerbe wie die NYT zu schlagen: Man kann durchaus sagen, dass auch Skifahren den Körper ruinieren kann. Nicht nur im Rennsport, sondern auch dort wo Skis reines Freizeit-Vergnügen bieten sollen. Es gibt Yoga-Lehrer, die nach einem 2-Wochen-Crash-Kurs bereits unterrichten, Skilehrer oft nach einigen Tagen. Es gibt kaum Skilehrer, die über fundiertes allgemeines biomechanisches Wissen oder gar eine Ausbildung in funktionellen Bewegungslehren verfügen. Viele Anleitungen und Korrekturen zielen auf ein pauschales, dem Lehrplan entsprechendes Bewegungsbild ab. Bei Schmerzen, die nicht von einer Brezn vor den Augen des Lehrers  herrühren, wird oft nur das Zähne zusammenbeißen empfohlen und fleissig die schmerzende Haltung und Bewegung weitergeübt.

Durchbeißen bis die Wadeln brennen

Die „Nur-die-Harten-kommen-durch-Methode“ bedarf allerdings auch einer Klientel, die mit spielt. Sie ist zahlreich. Auch wenn es unglaublich klingt. Es ist für Menschen die beim Skifahren Erholung suchen, ganz normal, dass am Abend die Wadeln brennen. Das Kreuz schmerzt. Die Knie flattern. Schmerzen werden von vielen nicht nur in Kauf genommen. Sie sind für viele Freizeitsportler Ausdruck dafür „etwas für den Körper getan, etwas geleistet zu haben“.


Strenge Gurus

Zurück zum Yogi aus New York. Er sagt, dass ihn die Leute für verrückt halten, wenn er von Yoga abrät. Er meint, dass der tiefe Aspekt von Yoga darin liegt, das Ego abzubauen. Dass aber viele Yoga Lehrer gerne angehimmelte Gurus sind, die ihren Weg streng vorgeben.

Auch mich sehen meine Kunden am Anfang entgeistert an, wenn ich auf die Frage: „War das richtig so?“ antworte:  „Was hast du denn gefühlt?“ – „Angenehm und leicht war es.“ … und „Hat dir etwas weh getan?“ „Nein!“ „Na dann wird es für dich schon richtig gewesen sein?“

In eigener Sache – ein wenig Werbung muss sein 😉
Ich beschäftige mich seit rund zwanzig Jahren intensiv mit der Feldenkrais Methode. Es handelt sich dabei grob gesagt um eine körperorientierte Lernmethode. Der Lernende erfährt dabei viel über seinen Körper und seine Bewegung. Diese Erfahrung hat meine Zugangsweise zum Ski-Unterricht sehr verändert und stark geprägt.

Grundlage meiner Kurvenschule ist das funktionale Verständnis des Menschen und seines Verhaltens. Die Betrachtung des menschlichen Organismus als einen Komplex von Funktionen. Tiefe Ursachenforschung im Detail. Individuelle Mittel für notwendige oder gewünschte Korrekturen.

Mein Ziel ist, dass jeder „Kurvenschüler“ seinen ganz persönlichen Stil und Geschwindigkeitsbereich findet. So fährt wie er sich sicher, wohl und frei  fühlt. Ich lege höchsten Wert darauf, dass mitgebrachte Schmerzen sich vielleicht bessern aber keinesfalls schlimmer werden!

Links:
Kurvenschule – Individual & Gruppen-Workshops
Snow-Pro Seminare – weiterführende Kurse für Lehrer, Trainer & Coaches
Funktionale Skilehre – die Grundlagen der kurvenschule

1 Antwort
  1. T.mo
    T.mo says:

    Hi Nicola,

    ein sehr netter Artikel, sowohl deiner wie der in der NYT. Ich glaube aber ehrlich gesagt, daß dieses uniforme Lernen nicht nur im Skisport und im Yoga ein Problem ist. Auch viele andere Sportarten werden auf diese Art und Weise gelehrt. Selbst im Spitzensport habe ich das Gefühl, dass in vielen Bereichen erst langsam die Erkenntnis dämmert, daß Athleten nur mit höchst individuellem Training und Technik ihr Potential vollständig ausschöpfen können.

    LG,
    Timo

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