Olympische Politik

Schon Coubertin hätte bemerken müssen, dass die politische Neutralität der Olympischen Spiele ein Hirngespinst ist. Die Olympischen Spiele waren und sind politisch. Der Ausschluß einer griechischen Athletin von den Spielen in London ist das jüngste Beispiel.

Könige und andere Repräsentanten nutzen die Olympische-Weltbühne zur Selbstdarstellung. Auf der Kehrseite der glänzenden Macht-Demonstrationen stehen Flaggen- und Nationalitätenstreit; Boykotte, Erpressung und Geiselnahme bis zum Mord. Schon bei der Demonstration der angeblichen Überlegenheit des Nazi-Regimes in Berlin 1936 und jüngst beim Ausschluss der Dreispringerin Voula Papachristou aus dem griechischen Olympia-Team zeigte sich: Mit Olympia wurde immer auch Politik gemacht.

Kommentare zum rassistischen Tweet, der griechischen Leichtathletin polarisieren. Sie zeigen dem aufmerksamen Beobachter aber auch, dass sportliche Wettkämpfe – und ganz besonders Olympische Spiele nicht im politischen Freiraum existieren können. Griechenland, Heimat der Götter des Olymp und Olympischen-Ideals – je nach Bedarf entweder „höher, schneller, stärker“ oder neuzeitlich formuliert „einfach (a)dabeisein“ – war schon vor den letzten Spielen auf hellenischem Boden mit Olympia-Sagen umwoben. Als nicht nur sagenhaft erwies sich, spätestens bei der Abrechnung der Athener-Spiele, die Verknüpfung der panhellenischen Olympia-Seilschaft mit der Politik.

Voula Papachristou’s Witz ist nicht gut. Weil ihm für einen Lacher einfach die Pointe fehlt. Er ist geschmacklos als Stimmungsmacher gegen Griechenausländer und dumm weil kein Sprung-Athlet sich selbst ein Bein stellen sollte. Aber reicht dieser Unwitz in Bezug auf seinen Rassimus-Gehalt wirklich für einen Verweis vom Olympia-Spielplatz? – Randnotiz: Österreichische Sportler, TV Kommentatoren und sogar Bundeskanzler, dürfen ihre Gegner ungestraft als „Bloßfüßige“ bezeichnen.

Papachristou soll neben ihrem Witz auch noch Meldungen der griechischen  Golden-Dawn Partei (weiter)getwittert haben. Nun kann man zwar (und ich tue das) rechtsradikalem Gedankengut widersprechen, aber trotzdem oder gerade deshalb die politische Einstellung eines Individuums als menschliches Grundrecht respektieren. Und man kann die Olympische-Charta lesen. Deren Regel 51.3 besagt, dass „keine Art von Demonstration oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda an Wettkampfstätten (…) erlaubt ist“. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf: Müssen sich auch Funktionäre an die Regeln ihrer Charta halten? Im Allgemeinen und aus gegebenem Fall im Besonderen, die sporthohen Herren aus Griechenland.

Wollen sie der Welt zeigen, dass Rassismus in Griechenland schwer sanktioniert wird? Den fortschreitenden Pogromen in Athen und anderen Städten, die Migranten zu Sündenböcken stempeln, so entgegentreten? Oder gar aus London eine Botschaft der Macht an ihre politischen Gegner nach Athen übermitteln? Es sei dahingestellt ob diese Botschaft gut ankommt. Ob es klug ist über den Sport-Popularismus in ein ohnehin aufgeregtes Wespennest zu stechen?

Eines ist allerdings klar: Wer einer jungen und offensichtlich naiven Sportlerin die Konsequenzen für unüberlegtes Handeln auferlegt, muss sich selbst an die Olympia-Spielregeln halten: Keine Art von Demonstration, auch nicht solche der Macht. Keinerlei politische Propaganda an Wettkampfstätten und schon gar nicht irgendeinem Parteipolitischen-Druck nachgeben. Würde man diese Regeln für sämtliche Akkreditierte in London anwenden, blieben etliche Funktionärs-Logen spärlich besetzt. Der sportlichen Idee von der friedlichen Völkerverständigung würde das nicht schaden.

Zum Thema

Herzlich willkommen, Diktatoren! G. Hartmann und J. Weinreich, Spiegel Online, 27.7.2012

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