Frisch, fromm, fröhlich, frei und Fett weg

Täglich Turnen?

Speck weck. Jetzt gehts ans Eingemachte. Täglich eine Turnstunde soll Kindern verordnet werden, wenn es nach der Österreichischen Bundessport-Organisation (BSO) geht. Der erfolglose Kampf um olympische Medaillen ist Anlass-Fall um den Kampf gegen allerlei Ungesundheiten aufzunehmen.

Frisch, fromm, fröhlich & frei
In erster Linie wird von Fettleibigkeit gesprochen, natürlich im gleichen Atemzug auch von Alkohol- und Nikotin-Konsum bei Kindern und Jugendlichen. Turnen soll dagegen als Allzweck-Heilmittel eingesetzt werden. „Unter ‚Turnen‘ verstehen wir den Spaß an Bewegung und körperlicher Betätigung“, schreibt die BSO auf ihrer Info-Website. Dass der Begriff Turnstunde bei vielen mit leicht müffelnden Erfahrungen konnotiert, dürfte bei der Wahl des Kampagnen-Titels nicht weiter aufgefallen sein.

Frisch, fromm, fröhlich, frei und Fett weg

Ansichts-Sache: Qualität oder Quantität
Untergegangen dürfte auch sein, dass die Ursache von Übergewicht in erster Linie eine qualitative Ess-Angelegenheit ist – keine quantitative Turnstunden-Frage! Ernährungsexperten sind sich ausnahmsweise in diesem Punkt ziemlich einig: Adipositas hängt nicht mit der aufgenommenen Kalorien-Menge, sondern mit der Qualität der Ernährung zusammen. Und längst ist auch bekannt, dass sich das Übergewicht vom Wohlstand zu den sozial Minder-Privilegierten verlagert hat.

Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt
An dieser Stelle muss die tägliche Turnstunde im Hinblick auf ihre Position im Netzwerk kausaler Faktoren der Übergewichtigkeit hinterfragt werden. Das könnte auch den Schluss zulassen, dass nicht Bewegungsmangel zu Fettleibigkeit führt, sondern umgekehrt – falsche Ernährung die Bewegungsfreude hemmt. Kinder, die sich ihre schlechten Ernährungs-Vorlieben quasi mit der Muttermilch erworben haben, sind in ihrer Agilität anders aufgestellt als ihre Kindergarten- und Schulkollegen mit ernährungsbewusstem Familien-Hintergrund.

Bewegungs-Frust statt Bewegungs-Lust
Kein vernünftiger Autofahrer würde versuchen sein Fahrzeug durch Erhöhung der Fahr-Frequenz an schlechten Treibstoff zu gewöhnen. Und die Idee, dass mehr Turnstunden zum Abspecken der ganzen Nation führen werden, scheint einigermaßen naiv. Man sollte sich viel mehr überlegen, ob nicht die Gefahr besteht, dass Kinder, die wenig Lust auf Bewegung haben, durch quantitative Zwangsbeglückung geradewegs im Bewegungs-Frust landen.

Bewusstseins-Bildung statt Bauchkrampf
Die Vielfalt von Elementen, die Einfluß auf Energiezufuhr, Energieverbrauch und Bewegungs-Qualität miteinander in Verbindung bringen, müsste im Vordergrund stehen. Nicht die alt-turnväterliche „Darfs ein bisserl mehr sein?“ Methode. Um tatsächlich Änderungen herbeizuführen, wird eine breit basierte Public Health Perspektive erforderlich sein. Und darin enthalten, Hilfestellung für Pädagogen.

Es ist, wie in allen Bildungsbelangen, höchste Zeit! – Einen Blick für individuelle Probleme und deren Lösungen entwickeln. – Sonst bleibt die Turnstunde, egal ob täglich oder wöchentlich, für alle Beteiligten weiterhin ein krampfhaftes Unternehmen.

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