Kandahar liegt nicht am Arlberg

Kandahar liegt nicht am Arlberg

Kandahar Trophy. Das klingt in vielen Skifahrer-Ohren legendär. Was manche Ski-Fans aber nicht wissen: Der Namen, des bereits 85 jährigen Alpin-Events stammt aus einer blutigen Schlacht.  Pate für diese traditionsreiche Veranstaltung, die neben St. Anton auch in Mürren, Chamonix, Sestriere und Garmisch-Partenkirchen ausgetragen wurde, war ein britischer General, der vor mehr als 130 Jahren in Kandahar gegen das Afghanische Heer kämpfte.

Die Schlacht von Kandahar
Im schweizerischen Montana fand 1911 das erste Alpine Abfahrtsrennen statt, für das der britische Lord Roberts of Kandahar einen Pokal stiftete und Namensgeber für die nachfolgenden Kandahar Rennen wurde. Er erhielt seinen Adelstitel im 2. Afghanisch – Britischen Krieg, wo er sich am 1.9.1880 in der Schlacht am Baba Wali bei Kandahar als siegreicher Führer von 14.000 Briten mit 36 Geschützen (37 Tote, 216 Verwundete) über 15.000 Afghanen mit 32 Geschützen unter Ayub Khan (ca.1.200 Tote) ‚hervortat‘.

Kein Winterspass in Kandahar
Kandahar ist mit rund 370.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Immer wieder sind es Kriege, bewaffnete Konflikte und Unruhen, die den Namen Kandahar jenseits der Sportberichterstattung in das Interesse der Weltpresse stellen. Kriege und Konflikte, die zu einer katastrophalen Lage in Afghanistan führten und führen. Kinder und Frauen sind am härtesten betroffen. Besonders im Winter. Tagestemperaturen von bis zu -20 °C sind keine Seltenheit. Wenn beim Arlberg-Kandahar Event Zuschauer und Adabeis gut vermummt am Pistenrand auf Seitenblicke von Stars und Medien hoffen, haben die wenigsten vor Augen, dass in Kandahar, Afghanistan währenddessen vorallem Kinder und ältere Menschen an den Folgen der extremen Wetterbedingungen leiden und sogar sterben .

Kandahar im Zeichen von starken Frauen
Während sich auf der legendären Kandahar-Strecke in St. Anton am Arlberg die stärksten Ski-Athletinnen messen, sterben in Afghanistan starke Mütter und Töchter im Kampf um mehr Rechte für Frauen. Dutzende Studentinnen, Schuldirektorinnen, Lehrerinnen, Rechtsanwältinnen, Polizistinnen, Journalistinnen, Politikerinnen sind in den vergangenen Jahren wegen ihres Bestrebens für eine bessere Zukunft grausam getötet worden. Eine gängige Hinrichtungspraxis ist der Zwang zur Selbstverbrennung, die ausser von radikalen Islamisten sogar von den eigenen Familien befürwortet wird.

Simar Samar - Audrey Sale-Barker

Rechts: Erste AK Diamant-Trägerin Audrey Sale-Barker. Links: Simar Samar Vorsitzende der afghanischen Menschenrechtskommission

Erfolgreich
Die Skifrauen mussten wenigstens um den Start beim Arlberg-Kandahar nie kämpfen – schon seit dem ersten Rennen 1928 sind Frauen am Start. Und auch die Wegbereiterinnen der Afghanischen Frauenbewegung können immerhin kleine Erfolge verbuchen. Zumindest in den Städten hat die Beharrlichkeit der Frauen kleine Fortschritte ermöglicht. Heute gehen ungefähr 2,5 Millionen Mädchen zur Schule, mehr als jemals zuvor. Frauen studieren, Frauen arbeiten und Frauen sitzen im Parlament. Nicht viele, aber trotzdem ein Lichtblick für die Mutigen, die dafür ihr Leben riskieren.

Gefährlich
Das Engagement der afghanischen Frauen ist zweifelsohne gefährlicher als jedes Abfahrtsrennen. Die Chefin der afghanischen Menschenrechtskommission Sima Samar oder die Parlamentsabgeordnete Fawzia Koofi leben ebenso wie ihre Weggefährtinnen unter ständiger Bedrohung ihres Lebens. Aber auch mit der Angst, dass sich die schwer erkämpften Rechte rasch wieder in Luft auflösen. Die positive Entwicklung ist ohne Aufmerksamkeit und  Hilfe vom westlichen Ausland nicht stabil genug.

Das zweite Geschlecht
Die neuen Rechte der Frauen und Kinder in Afghanistan könnten jederzeit wieder zurückgenommen werden. Denn Frauen sind in dieser männlichen Gesellschaft nur das zweite Geschlecht. Gesetze und Rechtsprechung bieten Frauen noch immer kaum Schutz. Vielleicht und das wäre wirklich zu hoffen, besinnt sich die eine oder andere Teilnehmerin beim heurigen Kandahar-Rennen auf die Frauen in Afghanistan und trägt ein wenig zur Aufmerksamkeit für sie in der Öffentlichkeit bei.