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[Ski]Sport im Umbruch.

Machtsysteme im Umbruch

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, wie er seit Jahrtausenden nicht mehr stattgefunden hat. Machtsysteme in denen wenige bestimmen und die Mehrzahl zu dienen hat, werden mehr und mehr hinterfragt. Menschen auf der ganzen Welt stehen auf und sagen: „Das lassen wir uns nicht länger gefallen!“

Anna Fenninger hat bekanntlich in einem Schreiben an ÖSV Funktionäre und Trainer, ihre Forderung nach Eigenständigkeit und Mitspracherecht sehr klar formuliert. Wie ihre eMail an die Öffentlichkeit gelangte, ist eine andere Frage. Die klärt mittlerweile die Kripo.

Selbstverständlich gilt einstweilen die Unschuldsvermutung in jede Richtung. Wollte allerdings jemand mit dieser Indiskretion der Athletin Schaden zufügen, ging der Schuss nach hinten los. Obwohl sich Anna Fenninger derlei Medienrummel sicher nicht wünscht, könnte ihr Standpunkt zum Paradigmen-Wechsel beitragen.

Kontroverse Anna Fenninger/ ÖSV nicht nur monetäre Aspekte

Allerdings besteht große Gefahr, dass dieser Emanzipationsschritt von den Medien auf die Materie, auf das Geld reduziert wird. Das greift zu kurz. Athleten – Frauen wie Männer – wollen in Würde leben, sie wollen geachtet werden, sie wollen, dass ihre Meinung gilt. Sie wollen in Freiheit und nicht in Unfreiheit leben. Sie wollen alle Grundwerte, die Menschenwürde ausmachen, auch wirklich leben dürfen.

Tendenz zur totalen Institution in Sportverbänden

Wer meint, dass Leistungs-Sportlern aus Österreich im 21 Jahrhundert die Grundwerte der Menschenwürde selbstverständlich zugestanden würden, irrt sich. Sehr! Solange sie an einer aktiven Karriere festhalten, bewegen sie sich in einem geschlossenen System. In sozialer Hinsicht bekommt das Unterstützungsmilieu des Athleten – Verein, Trainer, Verband, Sponsoren – und das sportartenspezifische Umfeld tendenziell die Qualität einer „totalen Institution“.

Ski-Karrieren sind am Anfang des Weges nicht überschaubar.

Der Gefahr in der Bildungs-Fixierung zum Sportler zu landen, ist sich niemand bewusst, da sie schleichend passiert. Kein Mensch kann sagen ob sich der große Aufwand lohnt. Ob sich Erfolg einstellt. Die Gefahr in einer biographischen Falle zu landen, wird am Weg zur Spitze immer grösser. Der Werdegang zum erfolgreichen Sportler bedeutet durch die Fokussierung auf den Sport auch eine dramatische Verengung des Entwicklungswegs für einen jungen Menschen.

Für die Ausgestaltung eines eigenen Lebensentwurfs spielt das Ausloten von Rollen- und Identitätsmustern eine besondere Bedeutung. Am Weg zum Spitzensport bezieht sich die Individualität der jungen Person schon früh auf die Sportlerrolle. Die einzige Ausdrucksmöglichkeit besteht im sportartspezifischen Handeln, in einem durch enge Regeln fixierten Umfeld. Individualität kann sich erst im Überbieten von Konkurrenten und Rekordmarken beweisen.

Identität durch Leistung

Durch Medien und breites Interesse für die Leistungen der Ski-Alpin-Athleten in der Öffentlichkeit wird ihre Leistungs-Bereitschaft und -Fähigkeit als gesellschaftlicher Zentralwert unterstrichen. Für den einzelnen Sportler wird dadurch die ohnehin schon starke Leistungsfixierung als Identitäts-Anker noch verstärkt. Die eigene Leistungsgrenze muss immer weiter ausgedehnt werden, weil selbst erzielte Erfolge keine dauerhafte Qualität aufweisen.

In der Athleten-Rolle müssen alle Aspekte des Erlebens und Handelns auf Leistungsoptimierung ausgerichtet sein. Das gilt nicht nur für Sportler „am Weg nach oben“. Ganz besonders betroffen sind aussergewöhnlich erfolgreiche Athleten. Denn wer die einmal erbrachte Leistung nicht mehr wiederholen kann, dem werden neben Anerkennung auch gewohnte Unterstützungsressourcen entzogen.

Deshalb ist es zutiefst verständlich, dass sich die aktuell erfolgreichste Skirennläuferin der Welt genau die Unterstützung sichern will, von der sie überzeugt ist. Es zeugt von Reife, die weitere Karriere so eigenständig wie möglich anlegen zu wollen.

Dem Ski-Kartell geht die Luft aus. Der Erfolgsgarant kämpft um die Macht.

Noch ist es da, das Gefühl der Überlegenheit. Das Gefühl, das verhindert Änderungen vorzunehmen, die eigene Komfortzone zu verlassen und gravierende Entscheidungen zu treffen. Denn Peter Schröcksnadel und seine Verehrer zehren nach wie vor vom Modell der „Industrialisierung des Erfolgs“ (Zitat T. Innauer), obwohl schon längst die Ära der Individualisierung angebrochen ist.

Mit Solidarität zum Paradigmen-Wechsel

Bis ein Athlet in den Genuss der Förderung durch den Österreichischen Skiverband kommt, haben bereits andere viel Zeit und Geld in dessen Karriere investiert; Eltern und Familien-Angehörige, ehrenamtliche Vereins- und Regional-Funktionäre, lokale Sponsoren, private „Gönner & Förderer“ des Skirennsports. Besonders Angehörige und Wegbegleiter in jungen Jahren, dürften sich für das Wohlergehen und die Rechte von jungen Sportlern zuständig fühlen.

Es ist wichtig, dass Anna Fenninger für junge Athleten und deren Betreuer nicht nur in Bezug auf Erfolg oder Skitechnik als Vorbild betrachtet werden soll, sondern auch dafür, dass moderne Sportler ihre Meinung zeigen können.

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