Oesterreichische Skifans zwischen Jubel und Goesser Bier

Wir sind Weltmeister!

Skifahren gehört zur genetischen Grundausstattung der Österreicher. Dass sich daraus – besonders in Zeiten sportlicher Großereignisse – auch überzogener Nationalismus ableitet, ist aber kein Naturgesetz.

Kritische Anmerkungen erschienen im Buch „Ski-Spitzen: Von Brettern mit Weltbedeutung“

Lesezeit ca. 8 Minuten

„Kein Meister ist vom Himmel gefallen“, meinen altväterliche Schulmeister gerne. Bademeister, Hausmeister, Wachtmeister, ja sogar Meisterdiebe bestätigen, dass die Erlangung der Meisterschaft im jeweiligen Metier erarbeitet sein will. Skimeister bilden da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Der Entschluss, vom Ende der Skirenn- zum Anfang der Skilehrer-Karriere zu wechseln, bedeutet sogar für Weltmeister zurück auf Feld eins und zur tieferen Auseinandersetzung mit Spitzkehre und Bremspflug.

Eine Prüfungsfrage, die mir während meiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Meister der Skilehre gestellt wurde, habe ich bis heute nicht vergessen: „Wie erkennt man einen Anfänger?“ An ratlosen Antworten hat es nicht gemangelt: „Er trägt die Ski verkehrt herum? . . . Er spricht holländisch? . . . In der Seilbahn- Gondel beginnt er bei der ersten Stütze streng zu riechen?“ Obwohl die Prüfungskommission eher auf skitechnische Antworten abzielte, hat sich Letzteres dann in der Praxis doch bewährt. Ein guter Riecher für die Befindlichkeit der Mitskifahrer schützt in vielerlei Hinsicht vor unliebsamen Überraschungen.

Meine Zeit im Schnee – sie dauert schon einige Jahrzehnte – hat mich viel gelehrt. Der Spürsinn beschränkt sich nicht nur auf die Nase. Oft genügt ein Blick, um jemanden, der sich auf Skiern (noch) nicht in seinem Element fühlt, zu erkennen – bisweilen schon dann, wenn er barfuß am Strand unterwegs ist. Und wie schneidig sich die Cracks aus den Internet-Foren dann wirklich in die Steilrinne werfen, lässt sich meist schon am Einleitungssatz im enthusiastischen Freeride-Erlebnis-Posting lesen.

Gezeigt hat sich aber vor allem, dass alle leichter fahren, wenn man dem individuellen Ski-Ego mit viel Toleranz und Sympathie begegnet. Es ist ein Vergnügen, Menschen aus unterschiedlichsten Regionen und Kulturen beim Skifahren zu treffen, ihnen Gesellschaft oder gar Beistand zu leisten. Obwohl ich stets versuche, dem Einzelnen ganz vorurteilsfrei zu begegnen, zeichnen sich doch einige Verhaltensmuster ab. So lernen, stürzen und siegen Frauen beispielsweise ganz anders als Männer. Süd- und Osteuropäer pflegen einen etwas beherzteren Zugang zum Schwung als norddeutsche Ski-Ingenieure. Die germanische Herangehensweise beim Anstellen am Ski-Lift dagegen ist so dynamisch, dass es in den Rocky Mountains eigens Hinweis-Schilder gibt, die vom German-Queuing dringend abraten.

An dieser Stelle könnte man noch zahlreiche Ski-Kultur-Vergleiche anstellen, um dennoch zu dem Schluss zu gelangen, dass auch die österreichische einzigartig ist. Österreich ist nicht bloß eine Skination. Österreich kämpft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beharrlich um die Vormachtstellung in der Skiwelt. Damals mussten neben den Politikern auch die Ski-Generalstäbler vom Arlberg ihren Weg neu definieren. Und wie in der Kunst entschied man sich auch auf Skiern für repräsentative Lösungen.

„Ein neuer Schwung geht um die Welt!“ – diese Pressemeldung war 1956 für das Image suchende Österreich ein Lichtblick. Der neue Wunder-Schwung hieß „wedeln“. Sein Repräsentationscharakter bei Vorführungen durch das staatliche Skilehrerballett wirkte wie eine Verlagerung der Lipizzaner-Dressur in den Schnee. Statt Wiener Mozartstil im Dauerlegato bot man als Nachkriegsfolge des weißen Rausches Kruckenhauser-Wedelstil im Stakkato. Über die Attraktivität der Arlberger Schön-Ski-Lehre könnten die seit Jahren rückläufigen Zahlen der Meisterklasse-Diplomanden an der Ski-Bundesakademie Aufschluss geben.

Kein Zweifel besteht allerdings darin, dass der gelernte österreichische Skifahrer noch immer verbissen am zackigen Schmalspur-Schwingen festhält. Eine Technik, mit der man den Ski dermaßen herumreißen muss, verlangt viel Übung, auch für Meister. Die Mühe lohnt sich. Ist der Hüftknick endlich auch im Kopf fixiert, ist eine züchtige Skiführung nicht mehr wegzudenken.

Um die Anerkennungsleiter zu den Erleuchteten des nationalen Skihimmels hinaufzusteigen, bedarf es ähnlicher Anstrengungen wie im indischen Kastensystem. Für den normalsterblichen Wedler ist das unmöglich. Trotzdem ist die Dichte der medial ernannten Skigötter und -päpste hierzulande extrem hoch. Um allerdings im kollektiven Skigedächtnis die Unsterblichkeit zu erlangen, sind Skandale gleichermaßen wie schwere „Brezn“ zweckdienlich. Hauptsache der Held, egal ob tragisch oder siegreich, kann für die nationale Industrialisierung des Skierfolgs nutzbar gemacht werden. Die Beziehung zwischen der nationalen Identität und dem Ski- Sport in Österreich zeigt sich im verbalen Imperialismus der Boulevard-Presse: „Wir sind Weltmeister!“ Der Nationalstolz in Umfragen: Satte 81 Prozent der Österreicher sind stolz auf die Erfolge der Skinationalmannschaft und immerhin 55 Prozent bezeichnen sich als Skifahrer.

Skifahren gehört offensichtlich zur genetischen Grundausstattung der Österreicher. Damit das auch weiterhin so bleibt, wird viel investiert: von Eltern in Training und Ausrüstung ihres Nachwuchses, von Bergbahnbetreibern in High-tech-Anlagen und Beschneiungssysteme, von Hoteliers in hochalpine Wellness-Oasen. Und weil das Ski-Touristen-Jungvolk trotzdem weniger wird, gibt es kreative Bestrebungen, den Skikurs für jedes Kind verpflichtend qua Schulbehörde gesetzlich zu verankern.

Doch ebenso wenig wie eine Schneeflocke einen Winter macht, kann der Pflichtschulskikurs den Skisport attraktiver machen oder kann ein Rennski einen „Blitz aus Kitz“ hervorbringen. Selbst eine rote Rennmaschine macht noch keinen „Herminator“. Ein Ski ist ein Ski ist ein Ski. Oder? Wer zum österreichischen Skiexperten-Zirkel gezählt werden will, braucht unbedingt Rennskier. Der Erwerb von Profi-Latten ist aber erst aller Tage Anfang. Man braucht gute Beziehungen zu einem Rennskistall. In Österreich kein Problem.

Jeder Hobby-Crack kennt eine Tante von der Schwägerin des kleinen Bruders vom Service-Mann eines Top-Stars. Und fährt verklärt auf und mit Rennskiern ab. Eine anständige Portion Verklärung ist auch vonnöten, wenn man einen Tag lang Publikumsskilauf auf stark frequentierten Pisten mit Profigeräten ertragen will. Rennskier sind für den Kurzeinsatz auf betonharten Rennstrecken und für austrainierte Vollzeit-Athleten gebaut. Ihre Nebenwirkungen im Freizeitgebrauch beschränken sich in harmlosen Fällen auf Muskelkater, bei exzessiver Anwendung schlagen sie oft auf Kniegelenke und Kreuz.

Doch körperlicher Schmerz, meint der gelernte Ski-Österreicher, gehört zum Skifahren wie die Bindung zum Ski, der Ski zum Rennlauf, und der Rennlauf zur Nation. Attribute wie aggressiver Stil, cooler Race und beinharte Pisten wirken deshalb neben aktueller Ski-Pool-Bekleidung mit magischer Anziehungskraft auf die letzten Pistenwölfe, die in ihrem Habitat, den Skibergen zwischen Bregenzer- und Wienerwald, herumwedeln. Allerdings sind die einst so zahlreichen Endemiten nun vom Aussterben bedroht. Die letzten Bestände sind überaltert und grau. Die Alpha-Tiere haben die 40+-Marke längst überschritten und treten höchstens noch bei Altherren-Rennen, pardon: Master-Races bisweilen sogar um Weltmeistertitel an.

Junge und jung gebliebene Menschen dagegen schätzen den Berg eher als verschneite Spielwiese. Man findet sie abseits des Mainstreams. „Free“ ist ihr Motto und ihr Stil. Als Outlaws, von der Presse und anderen alpinen Druckmaschinen nahezu unbeachtet, sind Free-Heeler, Free-Rider, Free-Styler und sonstige Free-Vögel so frei, wie es ihnen gefällt.

Der Boden der heimischen Schneefelder ist für den alpinen Rennlauf-Nachwuchs längst nicht mehr so fruchtbar wie noch vor zehn Jahren. Einer der Gründe dafür könnte sein, dass sich das Renn-Regelwerk nicht an die Entwicklungen anpasst, sondern umgekehrt: Athleten und Innovationen haben einem verknöcherten Regelsystem Folge zu leisten. Das frustriert und kann schon bei jungen reflektierenden Athleten dazu führen, auf die weitere Ausübung der sportlichen Karriere zu verzichten oder sich eben von vornherein einer anderen, freieren Bewegung im Schnee zuzuwenden.

Ob und wie lange der alpine Skirennsport sich in seinem jetzigen Erscheinungsbild halten wird, sei dahingestellt. Skifahren an sich – unter der Bedingung, dass Frau Holle noch länger mitspielt – ist aber weder aus den Skifahrer-Herzen noch von den heimischen Bergen wegzudenken. Neben der faktisch wirtschaftlichen Komponente, die der Skisport für Österreich zweifelsfrei darstellt, zeigt er sich dem Individuum eher von seiner emotionalen Seite. Das Gleit-Erlebnis im Schnee übt seit vielen Generationen ungebrochene Faszination auf Menschen in aller Welt aus.

Es ist das Flow-Erlebnis, das sich beim Skifahren so leicht von alleine einstellt: sich über den Schnee gleiten lassen, eins mit der Umgebung, den Skiern und der Bewegung sein. Ein Zustand, der keinen Platz für Zweifel, Unruhe und Angst übrig lässt. „In the zone“ erlebt man einen Bewusstseinszustand, der durch Selbstvertrauen, Lebensfreude und konzentrierte Entspannung geradezu mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit gleichgesetzt werden kann. Menschen, die den Flow im Schnee gemeinsam erleben, fühlen sich durch den Genuss verbunden. Ungeachtet ihrer nationalen Herkunft oder ihres gesellschaftlichen Status. Nicht einmal das Können spielt eine Rolle. Ein Anfänger am Babyhang kann, sobald ihm der Knopf aufgegangen ist, ganz ähnliche Empfindungen erleben wie der alte Skihase im Steilhang.

Und so stellt sich natürlich die Frage, die aus einer skispitzen Feder an dieser Stelle kommen muss: Hat es der Ski, der schon im alten Skandinavien Götter, Monarchen und Bauern vereinte, verdient, im heutigen Österreich als Instrument des Chauvinismus vereinnahmt zu werden? Hinlänglich belegt ist, dass im Zuge skisportlicher Großveranstaltungen der Nationalstolz in Österreich zunimmt. Es gibt natürliche, klare Argumente, die für die Identifikation mit dem eigenen Land sprechen. Sie ist wesentlich für das gesellschaftliche Zusammenleben. Doch der übersteigerte Ski-Nationalstolz birgt die Gefahr, dass er eingrenzend wirkt. Wer in der Wir-und-die-anderen-Euphorie schwelgt, hängt auch einen Teil seiner Identität daran. Und da die meisten Menschen bemüht sind, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, führt das zum Versuch, das eigene Team aufzuwerten – auf Kosten der anderen.

Hyperbolische Schlagzeilen und vollmundige TV-Kommentare lassen eine Spur im Bruchharsch nationaler Stereotypie erkennen. Die Skiwelt ist hierzulande heil: Wenn mit „Sieg in der Materialschlacht im Kampf der Skigiganten“ getitelt wird; wenn in überschäumenden Co-Kommentaren aus Athleten anderer Länder „Bloßfüßige“, „Jausengegner“ oder gar „Nasenbohrer“ werden; wenn die „heimischen Pisten-Akrobaten dem Angriff der Russen standhalten und den der Amerikaner abwehren“ und an ihnen sogar die „Explosion der Schwedenbombe“ schadlos vorübergeht.

Alles wird gut, denn „das rotweißrote Imperium schlägt in der Operation Gold erfolgreich zurück“. Ausgrenzung und Abwertung von Ausländern wäre für den gelernten Österreicher ja an sich kein unmittelbar (am eigenen Leib) spürbares Problem. Wenn Österreich im Status der Skination Nummer eins aller anderen Sorgen tatsächlich enthoben wäre. Und wenn der Kampf um die Vormachtstellung in der Skiwelt nur im frostigen Krieg auf den Rennpisten ausgetragen würde. Doch einige Wintertouristiker sehen ihre Branche mit eisigen Zeiten konfrontiert.

Der Ski-Boom hat nachgelassen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und füllen unzählige Studienbände. Fakt ist: Ende der 1980er Jahre wurden weltweit mehr als acht Millionen Paar Skier pro Jahr verkauft, zurzeit sind es knapp drei Millionen. Die Russen kommen: Was in meiner Kindheit bedrohlich klang, erfreut heute Anbieter in vielen Skigebieten. Gemeinsam mit Tschechen, Slowaken, Polen und Ungarn (um nur einige „neue österreichische Quellmärkte“ zu nennen) sollen sie die Lücke füllen, die ausbleibende Deutsche, Niederländer, Briten oder Skandinavier hinterlassen haben.

Doch auch anderweitig ist der lange Winterschlaf im Osten vorbei. Es entstehen neue und vor allem schneesichere Skigebiete: im Himalaja, im Kaukasus oder im Altaigebirge sowie in Bulgarien, Russland und China. Sie werden in Zukunft eine ernsthafte Konkurrenz für heimische Skidestinationen darstellen. Touristiker, die auf eine Veränderung ihrer Grundlagen rechtzeitig reagieren, können trotzdem aufs Glatteis geraten. Besonders dann, wenn sie im Marketing auf ihren guten Ruf als Gastgeber von internationalen Ski-Großveranstaltungen setzen.

Im Österskireichwird absolutistisch regiert. Wer die Winteridylle des Souveräns stört, muss mit Sanktionen rechnen. Renn-Entzug, so heißt die Rute, die in den letzten zwanzig Jahren oft ins Fenster gestellt wurde. Richtig so, denn wo käme man da hin: wenn ein Ort sowohl ÖSV-Veranstaltungen als auch die einer freien Snowboard-Bewegung austragen möchte; wenn eine Region gar antipatriotischen Tabubruch beginge und lieber ein paar lässige Typen aus Übersee sponsert, statt den ausgebeulten ÖSV-Klingelbeutel füllen möchte; wenn die Aussage: „Der Ski bin ich!“ baulich vom WM-Austragungsort nicht wunschgemäß umgesetzt wird?

Bleibt abzuwarten, ob nicht auch hier, wie in anderen österreichischen Glaubensgemeinschaften, der Ruf zum Ungehorsam bald zu hören sein wird. Obwohl: Wir sind ja eh Weltmeister. Gewiss. Keine Nation ist in der Langzeitstatistik des Ski-Rennsports erfolgreicher als Österreich. Kein Land kann in Bezug auf die Qualität und Organisation der Ski-Infrastruktur mit Österreich konkurrieren. Wer aber Weltmeister bleiben will, darf dabei den Rest der Welt nicht aus den Augen verlieren. Ein hohes Maß an kritischer Selbstreflexion wird notwendig sein, um die interkulturelle Kompetenz nicht nur an skisportlichen Großveranstaltungen oder kurzfristigen Betten- und Liftauslastungszahlen messen zu können.

Die neue Meisterschaft wird sich im Austausch auf gleicher Augenhöhe und interkultureller Neugier manifestieren. Es ist mehr als nur kulturelle Toleranz gefragt. Die Skifahrer, auch die „bloßfüßigen“ Flachländer, sind mündig geworden. Sie haben genug vom hysterischen Schneetreiben mit seinen ausgrenzenden Eitelkeiten und Stil-Benotungen. Genug von den österreichischen Meisterschaften im Angeben: „Kommt nur, wir zeigen euch schon, wie es geht!“ Wenn sie dennoch zu uns kommen, wollen sie nur eines: ihre Lebensfreude vergrößern, die Skier einfach laufen lassen und mit dieser raffinierten Taktik unvergessliche Momente mit nach Hause nehmen. Dieser Stil könnte auch uns gut tun.

  • Ski-Spitzen: Von Brettern mit Weltbedeutung
    Oktober 2012
    von Samo Kobenter (Herausgeber), Claus Farnberger (Herausgeber)

    „Ski-Spitzen“ führt weg von den vertrauten Lese-Strecken der Sportseiten, verleitet vielmehr zu literarischen und essayistischen Touren im Schnee mit neuen Blickwinkeln auf das Faszinosum Skisport. Teils mit Augenzwinkern, teils mit Stirnrunzeln verfasst, findet sich in dieser Anthologie amüsanter und informativer Lesestoff: von österreichischen Literatinnen und Literaten wie Julya Rabinowich oder Vladimir Vertlib über Journalisten wie Achim Schneyder oder Wolfgang Weisgram bis zu Kabarettisten wie Mike Supancic und I Stangl – für Überraschungen ist jedenfalls gesorgt.


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