Snow Flow - alles fliesst beim Skifahren

Snow Flow

Skifahren erreicht auf der Flow-Skala im Vergleich mit anderen Sportarten die höchsten Werte. Das ist auch sportpsychologisch verifiziert. Eine Studie der Universität Klagenfurt und der TU München belegt dass „Skifahren Flow-induzierend ist“.

Dieser Artikel ist ein Up-Date des im Oktober 2003 erschienen Beitrags im Kunstpiste Archiv

Diretissima für Eilige

Die Schlüssel zum Flowerlebnis auf Ski

  • Konzentration auf die eigene Bewegung, nicht auf den Stil der anderen, nicht auf die Technikanleitung des Skilehrers.
  • Motivation von „Innen“ durch Spüren und Empfinden, nicht durch das „Lob“ für die richtige Ausführung.
  • Imagination der Bewegung, die so realistisch und detailgetreu heraufbeschworen wird, dass man sie geradezu greifen, riechen und schmecken kann. Ein Sehen und Fühlen durch das geistige Auge: jedes einzelnen Aspekts, jeder Bewegung, jedes Moments im Tun der im individuellen Stadium des Könnens möglichst perfekt ausgeführten Fahrt.
  • Lernen dort beginnen wo es leicht ist. Einfacher Hang, gute Schneebedingungen etc.
  • (Neue) Herausforderungen suchen, denen man gewachsen ist.

Snow Flow

Ein Wintermorgen wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne scheint, über Nacht hat der eiskalte Himmel ein paar Zentimeter staubtrockenen Pulverschnee über den weiten, steilen Hang verstreut der mir unberührt zu Füssen liegt. Ich bin ganz alleine, kein Mensch weit und breit, nur ein Adler spielt hoch oben mit dem Wind. Ich lasse mich in den Steilhang gleiten, alle Gedanken bleiben hinter mir. Ich bin eins mit jeder Bewegung und der ganzen Welt. Raum und Zeit existieren nicht, alles fliesst …

nicola @ obergurgl by exiper

In the Zone

Was mir jetzt beim Skifahren unbeschreibliche Glücksgefühle bereitet, war als Rennläuferin einer meiner wichtigsten Schlüssel zum Erfolg. Schon als Teenager lernte ich den Flowzustand herzustellen. Als Rennläufer ist man dadurch so intensiv konzentriert, dass man völlig mit seiner Fahrt eins wird – ein Zustand, der keinen Platz für Zweifel, Unruhe und Angst übrig lässt: Ist man einmal „in the zone“, hat man einmal den „Flow-Zustand“ erreicht, so reagiert man nicht mehr auf Ablenkungen und kann Spitzenleistungen erbringen.

Der „Flow“ ist ein Bewusstseinszustand, der durch Selbstvertrauen, Lebensfreude und konzentrierte Entspannung, ja geradezu durch das Gefühl der Schwerelosigkeit charakterisiert werden kann.

Das Glück ist ein Vogerl

Bei Menschen, die ihren Flow oft nur zufällig erleben, kann Frust aufkommen, denn der „Flow-Zustand“ ist schwer fassbar. Der „Flow“ kann ganz plötzlich eintreten und dann genauso schnell und ohne Vorwarnung wieder verschwinden. Und doch beruht er keineswegs nur auf dem Zufall.

Das „Flow-Erlebnis“ lässt sich zwar kaum auf Knopfdruck herbeizaubern, doch ein Topathlet weiß, dass er viel dazu tun kann, um den „Flow“ heraufzubeschwören. Aber nicht nur Spitzensportler können den Zugang dazu finden.

Das Flow-Prinzip

  • Sind die Fähigkeiten niedrig und die Herausforderungen hoch, entsteht Überforderung, Stress und Angst.
  • Sind die Fähigkeiten hoch und die Herausforderungen niedrig, kommt es zur Unterforderung, zur Routine und Langeweile.
  • Nur wenn Fähigkeiten und Herausforderungen auf ähnlichem Niveau liegen, ist Flowerleben möglich.
  • Wenn Fähigkeiten und Herausforderungen gemeinsam steigen, vergrößert sich der Flow-Bereich.

Mihaly Csikszentmihalyi, hat den Begriff Flow geprägt und will damit das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit beschreiben. Wenn wir im Flow sind, sind unser Fühlen, unser Wollen und unser Denken in diesen Augenblicken in Übereinstimmung. Während wir der Tätigkeit nachgehen, spielen für uns weder die Zeit, noch wir selbst eine Rolle und das Handeln geht mühelos vonstatten.

Wer beim Skifahren die Bedingungen so wählt, dass individuelle körperliche, mentale und emotionale Vorzüge & Stärken optimal genutzt werden, kann selbst als Newbie im Flow aufgehen.

Das richtige Tempo

Ein wichtiger Schlüssel zum Flow-Zustand ist die Geschwindigkeit. Sie muss genau passen. Das haben auch Forscher in einem gemeinsamen Projekt der Universität Klagenfurt mit der TU München herausgefunden. Tempo das fordert aber nicht überfordert, ist wichtig. Bei einer Fahrt über dem eigenen Tempo-Limit, fährt immer Stress oder gar Angst mit. Stress & Furchtgefühle stehen dem Flow aber diametral entgegen. Hinunterbremsen auch.

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass besonders die Kurvengeschwindigkeit verbunden mit der Wirkung von höheren Fliehkräften auf den Körper, Glücksgefühle auslöst. Der Zusammenhang von aktivierten Muskeln im Beckenboden und den damit aktivierten Hirn-Mechanismen ist wissenschaftlich belegt. Ob und wie die so entstehenden Glücksgefühle mit dem Flow-Erlebnis in Verbindung stehen, ist eine interessante Frage.

Wedeln contra Flow

Jeder hat angeborene oder durch Konditionierung erworbene Schwachstellen. Letzteres verhindert vor allem beim „guten Skifahrer“ den Schuss im Fluss. Durch Skikurs und Training erworbene Fähigkeiten folgen oft einem modischen Image. Bewegungsentwürfe, die selten mit dem effektivsten sensomotorischen Bewegungsbild verknüpft sind.

Very Old School skiing - kunstpiste.com

Wer sich beispielsweise an schmaler Skiführung und akkuratem Stockeinsatz festhält – also überflüssigen parasitären Bewegungen – verhindert damit den freien Bewegungsfluss und arbeitet gegen den Flow-Zustand. Ausserdem verhindert eine festgefahrene Haltung neue Bewegungserfahrungen. Eine Herausforderung die für den Flow vorzüglich wirkt.

Raum zum Fließen

Die Wahrnehmung der Umgebung und die Fähigkeit, sich in dieser zu orientieren steht in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Möglichkeit sich den Bedingungen entsprechend optimal zu Bewegen.  Auf das Gelände kann man sich leicht einstellen, auf andere Skifahrer kaum. Volle Pisten verhindern den Flow.

digitale spur by axel rohr

Auf einem übersichtlichen breiten Firnhang stellt sich das Flowerlebnis viel leichter ein als auf unübersichtlichen, vereisten Pisten. Ein Schlüssel zum Flowerlebnis ist gut bekanntes Terrain, in dem man der Orientierung keine bewusste Aufmerksamkeit zuwenden muss. Jeder kann es wie die Rennläufer machen, das Hangstudium. Profis machen es immer und überall instinktiv. Es hilft für die Sicherheit und den Flow.

Flow & Sucht

Csíkszentmihályi bezeichnet Flow als „positive Sucht“. Etwas moderater könnte man ihn als Hochmotivation oder ganz simpel als Leidenschaft bezeichnen. Flow an sich ist weder gut noch schlecht, weil er sich bei jeder möglichen Tätigkeit einstellen kann.

Süchtig machen kann aber jede Tätigkeit, die mit Flow-Erleben verbunden ist. Wenn zum Beispiel bei manchen Extremsportlern das gesunde Maß für Risikobereitschaft und Bewegungs-Leidenschaft verloren geht. Mitunter bringen solche Menschen ihr Leben in Gefahr oder setzen das unmittelbare Sozialleben aufs Spiel .- „No friends on powder days!“

Die positive Wirkung vom Flow kann man aber auch im Alltag und nicht nur beim Sport nutzen. Indem man Herausforderungen schafft. Das nächste mal beim Bügeln, Putzen oder Aufräumen einfach Lieblingsmusik aufdrehen und darauf abzielen gleichzeitig mit dem Lied, dem Album, dem Sampler fertig zu sein.  Aber nicht putzsüchtig werden, gell 😉

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