Die Wirkungen und Nebenwirkungen der FIS

Die Wirkungen und Nebenwirkungen der FIS

Verletzungen von alpinen Ski-Athleten stehen in dieser Saison auf der Tagesordnung des Rennkalenders. Die Negativ-Bilanz ist dramatisch und Anlass – erneut – zu hinterfragen ob die gehäuften Rennsport Verletzungen nur Pech sind oder tiefere Ursachen haben.
Die Wirkungen und Nebenwirkungen der FIS Regularien – unter die Lupe genommen.

Stürze, Verletzungen und Schmerzmittel im alpinen Rennsport

Mögliche Ursachen

Dringliche Massnahmen

Lesezeit  5-7 Minuten ohne Videosequenzen

Streif 2016

Gross war die Erleichterung, als Aksel Lund Svindal nach seinem Crash – an der selben Stelle wie zuvor Georg Streitberger und Hannes Reichelt –  unter der Hausbergkante, wieder auf beiden Beinen Stand.

Am Abend sah die Sache anders aus: Kreuzband und Meniskus eingerissen, lautete die Diagnose der Ärzte. Der Norweger selbst, kommentierte das Saison-Aus mit Galgen-Humor:

„Ich habe mein Knie ein bisschen zerstört und bin kurz vor der Operation. Das ist irgendwie Scheiße mitten im Winter, aber so ist das Leben.“
Aksel Lund Svindal auf Facebook

Aksel Lund Svindal als Präzedenzfall?

Wie kann das sein, dass der aktuell beste Speedfahrer der Welt, trotz schwerer Knieverletzung gleich nach seinem Sturz wieder auf den Beinen war, fragten sich viele. Die Antwort liegt nahe. Der akute Schmerz könnte durch Schmerzmittel gedämpft gewesen sein. Starten um jeden Preis, auch wenn es eigentlich nicht geht; die Schmerzgrenze künstlich verschieben um hohe Belastungen überhaupt zu ertragen? Aksel Lund Svindal hat – wie fast alle Skirennläufer – einige Verletzungen ausgehalten. Spurlos? Das glaubt man kaum.

  • Am 27. November 2007 stürzte er im Training zur Abfahrt in Beaver Creek schwer und erlitt dabei einen Jochbeinbruch, einen doppelten Nasenbeinbruch und eine tiefe Schnittwunde am Gesäß. Vorübergehend musste ein künstlicher Darmausgang gelegt werden. Er verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus.
  • Wenige Tage vor Beginn der Saison 2014/15 erlitt Svindal beim Fußballspielen einen Riss der Achillessehne. Ohne zuvor einen Renneinsatz gehabt zu haben, startete er bei der Weltmeisterschaft 2015 und wurde sowohl im Super-G als auch in der Abfahrt Sechster.

Diclofenac die Zauberpille für Sporthelden

Eine Voltaren vor dem Sport schlucken, ist keine große Sache. Und doch symptomatisch für die dunkle Seite des Körperkults. Voltaren, Ibuprofen & Co: Starke Schmerzmittel sind der Renner bei Vollprofis und Hobby-Sportlern gleichermassen. Die Barriere zum „Pulverl“ zu greifen ist relativ gering. Aber darüber spricht man nicht gern. Auch nicht als Skiathlet.

Sport ist gesund.

Höhnisch liest sich der Metatext des Pharmakonzerns, mit der er im Internet für sein Produkt wirbt. Medikamente wie dieses, haben für viele Sportler den Stellenwert eines Grundnahrungsmittels eingenommen.

Sport ist gesund. Kommt es zu einer kleineren Verletzung, wie einer Prellung, Zerrung oder Verstauchung, können Sie diese gut selbst behandeln – mit Voltaren!

Die sogenannten Pflichtangaben des Herstellers verweisen übrigens auf Arzt, Apotheker oder Beipackzettel, wenn es um Nenebwirkungen geht. Auf Netdoktor.at findet man die Liste, die unter anderem Benommenheit und Schwindel beinhaltet. Durchaus keine Zustände, die der Sicherheit im Hochgeschwindigkeits-Sport dienlich sind.

Häufige Nebenwirkungen von Voltaren

  • Überempfindlichkeitsreaktionen wie Hautausschlag und Hautjucken
  • Kopfschmerzen
  • Reizbarkeit
  • Müdigkeit
  • Benommenheit
  • Schwindel
  • Erregung
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Durchfall
  • geringfügige Blutverluste
  • Hautreaktionen
  • Leberfunktionsstörungen

Schmerzmittel stehen nicht auf der Doping-Liste

Dr. Hans Geyer, Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung am Dopinglabor in Köln ortet einen massiven Einsatz von Schmerzmitteln – sowohl im Wettkampf als auch im Training. Umsichtige Sport-Ärzte äussern immer wieder Bedenken von Schmerzmitteln im Zusammenhang mit Doping:

Schmerzmittel erfüllen alle Bedingungen einer Dopingsubstanz. Sie schalten den Schutzmechanismus des Körpers aus. So kann eine deutlich höhere Leistung gebracht werden, die mit Schmerzen nicht möglich wäre. Schmerzmittel werden schon im Training genommen, dadurch sind höhere Trainingsumfänge und -intensitäten möglich. Schmerzmittel fallen aber in die Grauzone des Dopings. Sie sind nicht verboten.

Voltaren einfach verbieten oder endlich schlaue Fragen stellen?

Die Zuständigen der FIS werden dieses Thema, nachdem FIS Chef-Renndirektor Markus Walder es öffentlich zur Sprache brachte, heiss diskutieren. Verbieten und Reglementieren sind ja bevorzugte Massnahmen des Weltskiverbands, wenn es um Sicherheit geht. Schön wär’s wenn die klugen Köpfe des Skirennsports näher zusammenfänden und „was“ fragen stellten.

Was vom Umgang mit schmerzstillenden Substanzen vom Equipment-Reglement etwa gar erzwungen wird?

Läufer & Experten warnten vor Material-Regulierung

Bereits im Winter 2012 wurden die, damals noch nicht gültigen, Regeln für Skimaterial in Experten-Kreisen heftig kritisiert. In dieser Saison – noch mit „altem Material“ war die Verletzungshäufigkeit im Riesenslalom übrigens bemerkenswert gering.

Die Material-Änderungen wurden in der Saison 2012/13 verpflichtend eingeführt. Die Technik mit denen die erlaubten Riesenslalom Ski gefahren werden müssen, hat sich stark verändert. Ein durchgezogener dynamischer Schwung ist nur mehr selten möglich. Je schwieriger die Bedingungen, desto mehr kann man ein Andriften der Kurven beobachten.

Das Skiregulativ hat dem Skisport Dynamik geraubt.

Diese Fahrweise ist abgesehen davon, dass sie nicht sehr anziehend wirkt, kräftezehernd und gefährlich. Sie schlägt aufs Kreuz, sie schmerzt im Knie, sie führt zu fatalen Stürzen. Kurz gesagt: Rennläufer müssen die Fehlkonstruktion mit Kraft kompensieren und einiges mehr aushalten als je zuvor. Und auch die Zuschauer: Wer eher auf Dynamik steht, kommt zu kurz.

Die Stellschrauben sind falsch angebracht.

Das Ski-Regulativ greift lediglich in die Ski-Geometrie ein. Die Parameter an denen jetzt geschraubt wird, sind alle Ski-Eigenschaften, die nicht reglementierbar sind – etwa die Elastizitäts-Eigenschaften. Etwas direkter gesagt: Die Skientwicklung ist nicht davor gefeit, richtig „hinterfotzige“ Ski hervorzubringen. Und wer denkt, dass der Weg den die Entwicklung geht, nur für den Riesentorlauf gilt, irrt. Und zwar gewaltig!

Skieigenschaften und ihre Wirkung.

Einst: Riesenslalom als Neutrum.

Seit seiner „Erfindung“ 1905 durch Matthias Zdarsky und spätestens der Einführung durch die FIS bei Weltmeisterschaften 1950, war der Riesenslalom für Rennläufer als Mittler zwischen Slalom und Speed-Bewerben enorm wichtig. 40 – 50 % der Trainingszeit wurde auf Riesenslalom gewichtet und die Riesenslalom-Ski auch fast immer zum „Freifahren“ verwendet. Sie waren wichtiges Richtmass für Skientwickler – auch für (entschärfte) Freizeit-Ski.

Jetzt: Der Riesenslalom-Ski ein Folterinstrument?

Kein Genuss-Skifahrer würde aber momentan zu einer renntauglichen GS-Latte greifen. Hannes Reichelt drückt sich sehr direkt aus:

„Ich schaue einen Riesentorlauf-Ski nur an und mir schießt es schon ins Kreuz.“

Hannes Reichelt, ist ein erfahrener Athlet. Weniger erfahrene Rennläufer, nehmen Schmerzen stillschweigend in Kauf. Zerfetzte Kniegelenke und infernalische Rückenschmerzen sind zu Trophäen von Nachwuchsläufern avanciert. Am Weg nach oben nimmt man vieles auf sich, auch Riesenslalom mit Scheitern. Er steht immer am Nachwuchs Programm. Mit Material, das die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen schwer gefährdet!

Verbieten und noch ein Schritt zurück?

Für den Schritt zurück in die Steinzeit am Materialsektor hat sich übrigens ÖSV Präsident Schröcksnadel sehr stark gemacht. Jetzt hat er wieder tolle Lösungsansätze parat. Er fordert tatsächlich noch schwierigere Bedingungen und das Aufbreiten von Tannenreisig, statt Farbe als Kontrastmittel für Bodenwellen! Zum Glück gibt es ein paar Verantwortliche, die solche Forderungen kritsch betrachten:

„Wo man aber was tun muss, ist die innere Sicherheit, das Sicherheitsgefühl. Wenn die äußere Sicherheit höher wird, wird die subjektive Sicherheit geringer. Deshalb muss man mit der Schwierigkeit hinauf, damit sich die Läufer mehr konzentrieren. Und ich finde, (FIS-Renndirektor) Hannes Trinkl ist da auf dem richtigen Weg.“
derstandard.at/2000029818338/Schroecksnadel-zur-Zur-Sicherheitsdebatte-Bremsen-ist-nicht-verboten

Vielleicht sollte man aber in manchen Situationen wieder auf alte Methoden zurückgreifen. Etwa Tannenreisig streuen statt der blauen Linien. Diese Farbe enthält Alkohol (Anm. Kunstpiste – es handelt sich um handelsübliche Lebensmittelfarbstoffe, die auch für Süssigkeiten verwendet werden darf!) und weicht deshalb auch die Piste auf.
http://www.krone.at/Wintersport/Aerger_nach_Rennen_Trinkl_ist_doch_kein_Idiot-Sturzserie_in_Kitz-Story-492589

Vorsicht Herr Präsident: Jeder der schon einmal mit Taxen auf der Piste in Skikontakt gekommen ist, wird den Kopf schütteln.

 

Die besten Vorschläge kommen von den Athleten.

Logisch, oder!

Drei Massnahmen – unter vielen – die von den Athleten selbst vorgeschlagen werden und wurden:

  • Sicherheitsrelevante Normen für Ski müssen gemeinsam mit Rennläufern und Skientwicklern erstellt werden.
    Sie sind die Experten!
  • Das einfachste Mittel zur effektiven und fairen Reduktion von Speed, ist die Erhöhung der Luftdurchlässigkeit von Rennanzügen.
    Dickere Textil-Materialien, schützen obendrein besser vor Verletzungen und Kälte. Die Geschwindigkeit durch den Einbau von Hürden herauszunehmen ist eine naive Idee!
  • Die Terminplanung von Skirennen muss den Erholungsfaktor Zeit mehr berücksichtigen.
    Innerhalb von drei Tagen, vier schwierige Bewerbe anzusetzen – in mehreren Disziplinen – grenzt an grobe Fahrlässigkeit.

Die Klima-Veränderungen wahrnehmen, nicht länger leugnen!

Und noch etwas sollte man nicht ausser acht lassen: Den bislang schneearmen Winterverlauf. Auf der einen Seite schafft der Schneemangel Wettkampf-Bedingungen, die sprichwörtlich beinhart sind. Auf der anderen Seite gibt es für die Athleten kaum gute Möglichkeiten zwischendurch einfach einmal „nur Skifahren“ zu gehen. Das lockere „Freifahren“ aber ist unabdingbar für ein sensibles Skifahrer-Nervensystem. Tarieren, locker laufen lassen, spielen – das sind Grundlagen, auf die man nicht verzichten kann.

Sich über die Wirkungen und Nebenwirkungen der FIS informieren!

Ob die FIS erneut Wirkungen, wie die Einnahme von Schmerzmitteln, bekämpft oder die tieferen Nebenwirkungen und Ursachen erforscht, bleibt dahingestellt. So weitermachen wie bisher ist – zumindest auf längere Sicht – keine Lösung. Schon jetzt haben umsichtige Eltern erkannt, dass der Skizirkus auf ihre Kinder ungefähr so viel Rücksicht nimmt, wie eine streng katholische Internatsleitung.

Es ist höchste Zeit, ein System das junge Menschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht, als Ursache für Gefahren gründlich zu hinterfragen!

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