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Skilehrwesen – Methodische Übertreibung

In der Pistenpraxis sieht man oft Schneesportlehrer, die komplexe Bewegungsabläufe in einzelne Sequenzen zerlegen und sie ihren  Schülern überspitzt demonstrieren. „Methodische Übertreibung“ heisst das in Ski-Fachsprache. Schon den angehenden Skilehrern wird beigebracht wie man theatralisch hoch und tief geht oder den Oberkörper pathetisch talwärts neigt.

Kruck schau oba!

Stefan Kruckenhauser mit Nicola Werdenigg-Spiess USA 1968

Den Kruck habe ich bereits als Kind näher kennengelernt, als ich beim Interski Kongress 1968 Mitglied im österreichischen Kinder Demo-Team war.

Eine faszinierende Persönlichkeit, rhetorisch witzig, kreativ und bildnerisch geschult als Zeichner  an der Tafel –  so interessant, dass ich als Neunjährige gefesselt von seinem Theorie-Vortrag still im Kongress-Saal saß und bis heute vom Vortrag beeindruckt bin.

Zweifelsohne war und ist Stefan Kruckenhauser massgeblich am Erfolg des Skitourismus in Österreich beteiligt. Gezweifelt habe ich allerdings schon als kleines Kind an den Verrenkungen, mit denen die Skilehrer in der elterlichen Skischule das „Schule-Fahren“ demonstrierten.

Fuhren sie doch, wenn sie sich nach dem Skikurs auf der Tal-Abfahrt um die schnellste Linie matchten, im völlig anderen Stil. So wie wir Kinder und auch die Rennläufer. Schnell, natürlich und ohne manieristisches Gehabe. Das wäre den geplagten Schülern viel leichter gefallen, hab ich schon damals empfunden.

Mit meiner Betrachtung der Methodischen Übertreibung im Skilehrwesen will ich keinesfalls Krucks Andenken schmälern, sondern lediglich zum Nachdenken und zum erneuernden Diskurs anregen. Wer ihn gekannt hat, weiss, dass Stefan Kruckenhauser neben seiner Beharrlichkeit liebend gerne fachliche Auseinandersetzung gesucht hat.

Kruck schau oba, im Skihimmel darfs ja auch einmal etwas lockerer zugehen, oder? 😉

Skipapst oder Kruck?

Layout Cover Skilehrplan - Kruckenhauser 1956

Layout Cover Skilehrplan – Kruckenhauser 1956

Stefan Kruckenhauser war prägend für die methodische Übertreibung im Ski-Unterricht. Er gelangte ab den 1950ern zu internationalem Ruhm. Kruckenhausers Engagement für die Skitechnik ist eng mit der Erstellung des „Neuen Österreichischen Skilehrplans“ verbunden, der in der ersten Auflage 1956 erschien und zu einem weltweit großen Verkaufserfolg wurde.

Ästhetik vs Funktion?

Zur Illustration benutzte der Fotograf Kruckenhauser Fotomontagen als innovative Elemente. Das Layout war spektakulär und bestimmt auch ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Buchs. Mit den Fotomontagen gelang eine, für die damalige Zeit, bemerkenswert genaue Darstellung der von Kruckenhauser propagierten Ski-Technik.

Fotomontage Parallelschwung - Kruckenhauser 1956

Fotomontage Parallelschwung – Kruckenhauser 1956

Mit 120.000 verkauften Exemplaren und zahlreichen Übersetzungen wurde der Skilehrplan jahrelang unverändert gedruckt, erst 1971 erschien eine gekürzte und überarbeitete Neufassung.

Illusion oder Vision?

Stefan Kruckenhauser hatte viele Talente. Ein genialischer Skifahrer war er wohl eher nicht. Darstellung von Methodik und Technik stand für ihn stets im Vordergrund. Vom Dilemma zwischen Kamera und Ski wählen zu müssen, berichtet er bereits in seinem 1937 erschienen Bildband „Du schöner Winter in Tirol“.

Ebenso wird in diesem Buch offenkundig, dass Kruckenhauser eine Skitechnik propagierte, die wohl auch für ihn selbst und noch mehr die Allgemeinheit unerreichbar war:

Es wird aber gut sein, sich an die „Könner“ zu halten, will man zu Bildern kommen, deren Wirkung mit der Reinheit der Spur ensteht und fällt! Solche Muldenfahrt mit Durchschnittsfahrern schöngestalten zu wollen, geht nur bei allerbestem Schnee! Daß man aber seine Leute, rechtes Licht anrechter Stelle, und obendrein den besten Pulverschnee zusammenkriegt, dürfte im Jahr zweimal möglich sein. —Da ist es schon ein bisserl leichter, wenn man Leute hat, mit denen ich nur Gelände und Licht zu suchen brauche, und die es auch dann fertigkriegen, wenn der Schnee nur schön — aussieht!

Lehrer, Fotograf, Heimleiter, Witzbold, Zyniker … da Kruck!

1934 wurde Stefan Kruckenhauser als 29-jähriger Lehrer zum Leiter des Bundesport-Heims St.Christoph bestellt. Neben der Organisation der Ausbildung von Skifahrern – die Lernwilligen werden in seinen Aufzeichnungen als „Skihaserln mit vermurkstem Skifahrgestell“ bezeichnet und dargestellt – inszeniert er die winterliche Ostmark im Stil der Heimatfotografie.

Skifahrer im Gegenlicht - Kruckenhauser 1937

Heimatfotografie setzt sich übrigens, wie die miltitärisch disponierte Skilehrerausbildung, nach 1945 ziemlich bruchlos fort. Kruckenhauser überstand den 2. Weltkrieg als Kriegsberichterstatter in Russland und am Balkan und kehrte im Jänner 1946 zurück auf den Arlberg.

„Kruck“ begann im Stil einer Kaderschmiede des Skisports den Neuaufbau der „Österreichischen Staatlichen Skilehrerausbildung“. Als Lehrer, noch dazu geprägt von der damaligen Zeit, war für ihn etwas anderes als strenger Frontalunterricht nicht denkbar. Der Skilauf wurde zum Lehrstoff, der kursorisch als Lehrervortrag veranschaulicht und vermittelt sein wollte.

Auch Skipäpste brauchen eine Bibel

Die Lerninhalte benennt der Lehrplan mit (pseudo-)wissenschaftlicher Genauigkeit. Auch der Lernprozess wurde vom Lehrplan zentral gesteuert; er legte die Ziele fest, gliederte den Ablauf, stellte die Aufgaben und forderte das Ergebnis. Selbstverständlich mussten alle in einer Gruppe am Unterricht teilnehmenden zur gleichen Zeit und auf gleichem Wege die gleichen Inhalte lernen.

Die Schüler hatten alle Aufmerksamkeit auf den Skilehrer zu richten. Ein wesentliches pädagogisches Hilfsmittel sah Kruckenhauser in der methodischen Übertreibung. Bis heute ist sie in der österreichischen Skilehrerausbildung gesetzlich verankert.

Schönskilauf & Förmchenfahren.

Kruckenhausers Vorliebe für methodische Übertreibung, lässt sich recht gut als Ausdruck der von den fotografischen Montagetechniken beeinflussten und durch politische Pädagogik inspiriertes Denkens, verorten. Zu diesem Denkstil gehört auch die Vorliebe für den „Schönskilauf“, der bis heute noch im Lehrplan präsent ist.

Auch die didaktische Richtung, die übrigens bis heute im Lehrplan viel zu kurz kommt, zeigt Kruckenhausers Unterrichtsphilosophie:

Was hilft alles Reden! Serienphotos der größten Sünder und Sünderinnen in der Kursgruppe, abends am dritten Kurstag projiziert, gibt fröhliche Stunden und häufig — Besserung. — Und dann zwei Serien nebeneinandergestellt, ist wohl nicht gerade bildmäßig, aber desto eindrucksvoller — weil augenscheinlich lehrhaft —, vielleicht sogar boshaft. — Bei dieser Gegenüberstellung dämmert’s wohl auch dem Laien und Anfänger, was Vorlage ist, das Wort, das über alle Skiwiesen hallt.

Kruckenhauser- Schoener Winter in Tirol - Skihaserl

Schön zeigt der Skilehrer vor. Aber wie macht’s das Skihaserl nach?

Der rote Faden – verstrickt & zugeweht!

Kruckenhausers Schaffen verhalf der österreichischen Skipädagogenschaft, in der gebeutelten Aufbauphase der Nachkriegszeit zu Prestige und Anerkennung. Als Erbe hinterliess er seinen „roten Faden“, seine alles verbindende Hauptidee, die mit dem durchlaufenden roten Faden im Tauwerk der englischen Marine verglichen wird.

„Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“
(„Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe: Teil 2, Kapitel 2)

Bis heute folgt die offizielle Ski-Schule Kruckenhausers Denkstil, in dem sich stringentes Schlußfolgern und intuitives Urteilen beständig vermischen. Wer sich kritisch mit Kruckenhausers Ansichten anlegte wurde, bestenfalls gerügt oder gleich aus dem Elite-Kreis vom Arlberg ausgemustert.

Quer- und Andersdenker

Wie etwa Hans Zehetmayer oder Fritz Baumrock. Letzterer Mathematiker, der aus sorgfältigen biomechanischen Analysen eine Bewegungslehre ableitete und daraus einen Ski-Lehrweg entwickelte. Er gehört zu den wenigen anerkannten Skipädagogen, die präzise Kritik äussern:

Im Skilehrwesen herrscht eine resistente Infektionskrankheit, die „Methoditis“. Es geht nicht um das Ziel ‚rasch Skifahren lernen‘, sondern um den Unterricht als Selbstzweck. Schrecklich, wie viele Perlenreihen hinter ihrem jeweiligen Skilehrer herfahren und dessen Verrenkungen unzulänglich imitieren. Wenn Eltern ähnlich arbeiten würden wie die linientreuen Skilehrer, dann würden die Kinder weder sprechen noch aufrecht gehen lernen.

Methodische Übertreibung und übertiebene Methodik

So kommt es, dass die methodische Übertreibung Hand in Hand mit der Übertreibung von Methodik munter auf den rot-weiss-roten Hängen und in Skilehrerköpfen weiterschwingt. Kreative Schneepädagogen, allerdings, haben schon lange ihre eigene Spur gefunden. Die kollektive Steilvorlage zu Skikomplikationen, linientreues Niederknien vor Skipäpsten und manirierte Methoden dürfen hinterfragt werden.

Nur wenn wir wissen was wir tun, können wir tun was wir wollen!

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Literatur-Links

Fotomontagen zum Österreichischen Schilehrplan – Bewegungslehre mit Reihenbildern (1956, 1971) Kulturraum Tirol

Du schöner Winter in Tirol – PHOTOINSTITUT BONARTES und ALBERTINA Wien

Vorwärts. Und schnell vergessen. Anton Holzer (Die Presse)

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