Skirennen - Sport oder Spektakel?

Skirennen: Sport oder Spektakel?

Niki Hosp hat auf Facebook laut ausgesprochen was viele Ski-Athleten und Ex-Rennläufer denken. Rennfahren wird immer extremer. Veranstaltungen werden auf Biegen und Brechen durchgezogen. Die Folge sind alarmiernde Verletzungszahlen oder wie jüngst in St. Catharina und zuletzt am Hanhenkamm, Bedingungen, die sogar Topläufer wie Nachwuchsfahrer aussehen lassen. Die Ereignisse rund um den Abfahrtslauf in Kitzbühel verstärken die Frage – Skirennen: Sport oder Spektakel?

Niki Hosp kritisiert die Entwicklung des Skirennsports auf Facebook.

Mythos kontra Sicherheit

Die Hahnenkamm-Rennen 2016 waren keine Skirennen, sondern eine TV-Show über Skirennen. Im Vorfeld wurde die Red Bull Doku „One Hell of a Ride“ gehypt. Der ORF zog nach und zeigte Höllen-Stürze aus seinem langjährigen Archiv. Dazwischen die ewig gleiche Show der Promi-Gesichter.

Hahnenkamm Skirennen: Sport oder Spektakel?

Manchen „Kitzpichlern“ schwillt alljährlich im Jänner der Hahnenkamm. Ihre Heimatstadt inszeniert sich seit den 1950er unter tätiger Mithilfe pfiffiger Touristiker und gewitzter Eventprofis selbst als Sport- und Gesellschaftsmetropole. Für viele wichtiger als der Sport: Party! Stars und Adabeis berauschen sich auf der Aprés-Piste an Champagner und Glamour, durstige Fans mit Bier – bis zum Erbrechen. Die Hahnenkamm-Stadt mutiert zum Rummelplatz auf dem sich die Masse aus Prominenten und Proleten stark verdichtet.

In diffusem Licht: Streif 2016

Obwohl die Wetterprognosen eindeutig für einen Termintausch sprachen, beharrte man auf Samstag für den Abfahrtslauf. Schliesslich erforderten Schneefall und starker Wind  eine zweimalige Zeitverschiebung des Starts.  Endlich wurde mit einer Stunde Verspätung auf der verkürzten Strecke grünes Licht gegben. Das Licht auf der gesamten Piste war zu diesem Zeitpunkt alles andere als grün – es war sehr diffus.

Der Mythos um die Streif lebt von der Gefahr

Die beiden ÖSV-Läufer Georg Streitberger und Hannes Reichelt stürzten nach der Hausbergkante schwer. Dann auch noch der norwegische Weltcupspitzenreiter Aksel Lund Svindal. Eine Kompression, in der offensichtlich ein anderer Schneezustand bemerkbar war, wurde verstärkt durch die schwierigen Lichtverhältnisse, allen drei zum Verhängnis. Darüber sind sich alle Experten einig. Der Mythos Streif hat unterschiedliche Facetten, die Kommentare gleichen sich:

„Das gehört zum Rennsport, jeder muss selbst abschätzen, wie viel er riskiert.“

Die FIS nimmt ihre Athleten nicht ernst genug

Mündige Atleten aber, die auf Risiken hinweisen, wurden schon oft genug von Funktionären zusammengestaucht. Dabei wäre es die wichtigste Aufgabe der FIS das Risiko, das Läufer auf sich nehmen, zu minimieren. Sie rechtfertigt oft das Gegenteil. Die von den Läufern oft kritisierte Renn-Terminplanung – ohne Zeit zum Atemholen wie in Kitzbühel etwa. Oder die von Athleten seit Jahren vergeblich gefordert einfache Möglichkeit Geschwindigkeit in Speedbewerben, durch erhöhte Luftdurchlässigkeit an Rennanzügen herauszunehmen.

Sportliche Fairness bleibt auf der Strecke

Die zuständige FIS Jury hat beim Abfahrtslauf 2016 auch in Bezug auf sportliche Fairness versagt. Zu gross war der Druck von Veranstalter und Medien, die Gladiatoren-Kämpfe unbedingt am Samstag durchzuführen. Zu groß der Druck aus unterschiedlichen Richtungen ein gültiges Rennergebnis zu liefern

Ein Rennen ist durchführbar oder nicht.

Dass sich Entscheidungen ein Rennen unter ungünstigen Bedingungen zu starten, immer schwierig gestalten ist Fakt. Darüber kann man diskutiern. Nicht diskutieren lässt sich allerdings, die Entscheidung, nach Svindals Sturz das Rennen bis Nummer 30 durchzuziehen. Das Argument der Funktionäre, jüngere Läufer schützen zu wollen, indem man sie nicht starten lässt, war keine Sicherheitsmassnahme sondern Sportpolitik.

„Für die jungen Fahrer war das Risiko einfach zu hoch.“
Hannes Trinkl, Ex-Rennläufer, ÖSV Vizepräsident, Kurssetzer, FIS Renndirektor, Jury Mitglied

Für einzelne zu entscheiden ist nicht Sache der Jury

Ob die Bedingungen für einen Läufer zu riskant sind, muss der Betreffende selbst oder gemeinsam mit seinen Trainern und Betreuern entscheiden. Das ist keineswegs Sache der FIS Jury. Allein der Gedanke zeigt, dass das System Athleten in der Entwicklung zur Mündigkeit nicht unterstützen will.

Schuster bleib bei deinem Leisten!

In diesem Licht wirkt auch Schröcksnadels Aufruf vor laufender Kamera und sein Anruf bei FIS Renndirektor Waldner, das Rennen abzubrechen als lächerliche Selbstinszenierung. Allenfalls kann ein Verbandspräsident seinen Trainern gegenüber Bedenken äussern, seinen Einfluss über Medien und Jury geltend machen zu wollen, zeugt erneut von übersteigertem Geltungsdrang.

Vorsicht Falle!

Der Skirennsport ist wichtiger Identitätsstifter für Österreich. Keine Nation ist in der Langzeitstatistik des Ski-Rennsports erfolgreicher. Und es gibt kein Land das vom Skitoursimus abhängiger ist als Österreich. Inszenierungen wie in Kitzbühel hatten deshalb seit jeher auch Werbewert für den heimischen Skitoursimus. Ob das so bleibt ist eine andere Frage.

Wenn ein Sport, der schon längst zur Gefahr für die besten Sportler geworden ist, auch noch ganz real mit dem Mythos Todesgefahr spielt, könnte das schnell in Negativ-Werbung für den Freizeit-Skisport kippen.

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