Lara Gut zentrisch positioniert © Tirol Foto

Zentrisch positioniert Ski fahren

Vorweg: Immer wieder taucht der Begriff „zentrale Position“ im Ski-Jargon auf. Damit soll der optimale Ausgangs- und Endpunkt des Körperschwerpunkts im Kurvenverlauf definiert werden. Doch zentrisch positioniert Ski fahren bedeutet ganz anderes:

  • In zentrischer Positionalität bin ich ein Körper, der funktioniert.
  • In exzentrischer Positionalität habe ich einen Körper, mit dem ich funktioniere, wie mit einem Instrument.

Im Folgenden geht es nicht um den Fokus auf Bewegungsabschnitte, Positionen oder Haltungen sondern um die Art und Weise wie der Skifahrer sein Verhältnis mit der Umgebung auf eine natürliche Weise formen kann. Freies „sich bewegen können“ setzt,  außer in besonderen Situationen, „sich bewegen können“ in zentrischer Positionalität voraus.

Zentrale Position ≠ Zentrische Positionalität

Abgesehen von Differenzierungs-Problemen, sorgt der beliebte Fach-Terminus „zentrale Position“  für einen gravierenden Irrtum im Skilehr- und Trainingswesen. Die Handlungsanweisung und die damit verbundenen Bestrebungen des Skifahrers, „eine zentrale Position über dem Ski einzunehmen“, wirkt einer zentrischen Positionalität sogar entgegen. Die Ski werden dadurch vom Skifahrer abgegrenzt.

Wer dynamisch skifahren will – egal auf welchem Könnenslevel – sollte Ski generell nie als externes Werkzeug oder Fahrzeug empfinden.

Skifahrer = Mensch + Ski

Der Mensch und das Equipment (Schuhe, Bindung, Ski) bilden beim Skifahren eine Funktionseinheit. Wenn man mit seinen Skis sehr vertraut ist, können sie sogar als Körperteil empfunden werden. Je mehr es einem gelingt mit seinen Skis zu verwachsen, desto mehr kann man im Zentrum der eigenen Gefühle sein. Von diesem Zentrum aus kann man das Interesse auf den Schnee, die Piste oder überhaupt auf alles was nichts mit dem Bewegen des Ski-Körpers zu tun hat.

Zentrisch positioniert Ski fahren

Das Bewegungsverhalten von Tieren ist immer ein Bewegen in zentrischer Positionalität. Es weist auch bei den Menschen die Kennzeichen eines geschützten und sicheren Ablaufs der Handlung auf, so, als ginge es von selbst.

Wer sich in zentrischer Positionalität bewegt, verschwendet (solange nicht etwas ganz Besonderes passiert) kein Interesse an die vielen, komplizierten Bewegungen, die für das Halten des Gleichgewichts, für das Vorwärtskommen in eine bestimmte Richtung, für das Kontrollieren der Geschwindigkeit nötig sind.

Es gibt keine Distanzierung zwischen dem „ich selbst“ und den Bewegungsfunktionen, die das „ich“ vollzieht. Ich bin ja vollständig der, durch die Bewegung funktionierende Körper. Diese Form von körperlich in Bewegung sein, ist das Zentrum von dem aus ich in diesem Augenblick lebe. Anders ausgedrückt: ich bin im Flow.

Exzentrisch positioniert

Diese Kennzeichen gehen bei der Bewegung in exzentrischer Positionalität verloren. Wenn ich mich in exzentrischer Positionalität bewege, dann kann man von einer Ich-Funktion reden, die nicht in der Bewegungsfunktion aufgeht. Es gibt eine Ich-Funktion, die die Bewegung an sich beobachtet. Dann kann man auch wirklich von einem Bewegungsapparat reden, der gesteuert wird, wie ein Instrument mit dem Bewegungsziele realisiert werden.

Folgen sind keine Ursachen

Ein „exzentrisch funktionierender“ Skifahrer hat unbewusst den Teil des Körpers, der mit der Umwelt in Interaktion steht, von einem nicht bewusst steif gehaltenen anderen Teil des Körpers, im Griff. Der Teil des Körpers der sich in der Interaktion befindet, wird durch den steif gehaltenen anderen Teil in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und so durch diesen gesteuert.

Sehr oft passiert exzentrisches Steuern beim Skifahren über die oberen Extremitäten. Hand- Arm- und Schulterbwegungen wollen den Ton angeben, bei weniger geübten Skifahrern endet das oft mit unkoordiniertem oder überzechnetem Stockeinsatz. Rennläufer versperren sich mit übermässig angespannter Arm und Nackenmuskulatur gegen eine harmonsiche Bewegung.

Unkoordinierte Arm und Oberkörperbewegungen sind lediglich ein Beispiel, obwohl in diesem Zusammenhang ein sehr wichtiges. Das allgemeinere Wort, das hier besser zutrifft, ist: erfahrene Unsicherheit. Es entsteht nämlich zwangsmäßig eine exzentrische Steuerungsposition, sobald die Situation als unsicher eingeschätzt wird. Dies ruft im gesamten Bewegungsverhalten sofort eine Überwachungsfunktion hervor.

Nicht etwa ein verkrampfter Schultergürtel oder das Festhalten an Skistöcken sind die Ursache für eingeschränkte Bewegungsqualität. Sie sind die Folge exzentrischer Positionierung, die sich aus vielfältigsten Gründen einstellen kann.

Persistente exzentrische Positionalität

Eine gesunde Bewegungsfunktionalität wird durch exzentrische Positionalität nicht zwingend gestört. Vorübergehende Eingriffe in konkrete Funktionen können beim Skifahren laufend passieren. Etwa als Reaktionsbewegung auf unvorhergesehene Hindernisse oder Ereignisse. Auch die „methodischen Übertreibung“ von Skitechniken erfolgt meistens in exzentrischer Positionalität des Demonstrators.

Stein Eriksen bei der Ski-Demo

Wenn sich aber ein Unsicherheitserlebnis nicht mehr nur auf momentane Aktionen beschränkt, beispielsweise wenn im Lernprozess Gelände bzw. Schneebeschaffenheit zu schwierig sind, dann entsteht oft eine bleibende Überwachungsfunktion. Man spricht dann von persistenter exzentrischer Positionalität, die dem Subjekt ein Bewegen in zentrischer Positionalität unmöglich macht.

Eine solche persistente exzentrische Positionalität führt zu einer Unmenge von unökonomischen Haltungen und parasitären Bewegungen die „chronisch“ werden und den Skifahrer über ein bestimmtes Könnenslevel kaum oder gar nicht mehr „hinauswachsen“ lassen.

Die Qualität der Arbeit von Ski-Pädagogen, egal auf welcher Könnensstufe sie unterrichten bzw. coachen, ist eng mit dem Erkennen der Positionalität des Lernenden verknüpft. Sollten Dysfunktionen festgestellt werden, ist es notwendig die ursprünglichen, spontanen, nicht von „oben her“ gesteuerten Reaktionsmuster, über die jeder Körper verfügt, wieder herzustellen.

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Literatur-Links

Helmuth Plessner auf Wikipedia

Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 48, (2000) 2, 265-288
Exzentrische Positionalität
Plessners Grundkategorie der Philosophischen Anthropologie
Von JOACHIM FISCHER (Dresden)
http://www.fischer-joachim.org/exzentrischepositionalitaet.pdf

Institute for Human Functionality of Motion (HBF)

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