Rezension: Skilehrplan neu

Rezension – Skilehrplan neu

Snowsport Austria – Die Österreichische Skischule, Kompetenz im Schneesport – so titelt das neue Lehrbuch für Österreichs Skilehrwesen. Durchgelesen, hinterfragt und zusammengefasst zur Rezension Skilehrplan neu.

Ästhetik & Gestaltung

Österreich positioniert sich neben Rennerfolgen gerne über die Ästhetik als führende Skination. Dieses Anliegen ist ein Erbe, das Stefan Kruckenhauser hinterlassen hat. Nicht nur im Stilbild der Bewegung im Schnee, sondern auch in der Gestaltung der offiziellen Lehrmittel.

Krucks Erbe

Der Österreichische Skilehrplan war in seiner ersten Auflage von 1956 weltweit ein Verkaufserfolg. Zur Illustration benutzte der Verfasser, Ausbildungsleiter und Fotograf, Stefan Kruckenhauser, Fotomontagen als innovative Elemente. Das für damalige Zeiten spektakuläre Serienbild-Layout – ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Buchs – hinterlässt beinahe sechzig Jahre später auch in dieser Ausgabe noch Spuren.

Anmutung – eine Geschmacksfrage

Krucks fototechnische Spitzfindigkeit und seine grafischen und typografischen Ansprüche an die Gestaltung sucht man vergeblich. Sie sind unterwegs vom ersten bis zum jüngsten Band ziemlich abhanden gekommen. Sowohl die Anmutung als auch der Verweis auf den Gestalter im Impressum, lassen eher Rückschlüsse auf ein touristisch angehauchtes Werbekonzept als auf künstlerisch inspiriertes Ansinnen zu.

Nachgewogen: 1965 Gramm Skiwissen

Ein gewichtiges Werk hält man allemal mit dem neuen Lehrplan in Händen. Nicht nur wegen dem Seitenumfang – 526! – sondern auch wegen der Papier-Grammatur. Zwei Kilogramm Ski-Lehre eingeteilt in 15 Kapitel, das ist kein Skihosentaschen-Buch. Womit wir beim Inhalt wären.

Inhaltsübersicht

Kompetenz im Schneesport

Den Umgang mit gewandeltem Gästeverhalten soll das Werk im Großen und Ganzen erleichtern, so könnte man Richard Walter als Herausgeber-Vertreter im Vorwort interpretieren. Neben der Kerndisziplin Ski-Alpin werden viele Aspekte der Fort-Bewegung im Schnee aufgegriffen; traditionelle wie Langlauf und trendige oder wiederentdeckte wie Tiefschnee & Telemark.

Umfassende Themen

Auch Themen wie Skigeschichte, Biomechanik, Ökonomie, Gesundheit & Handicap müssen natürlich in einem modernen Schneekompetenz-Leitfaden angesprochen werden. Vergeblich sucht man allerdings Einblicke in die gute alte Materialkunde, Basics der Ersten Hilfe und ein Glossar. Zum wichtigen Bereich „Alpine Sicherheit“ wird zu guter Letzt auf einen eigenen Band für die Schneesportlehrer-Ausbildung – mit kurzer Inhaltsangabe  – aber ohne Bezugsmöglichkeiten verwiesen.

Snowsport Austria, Komptenz im Skisport: Kapitelübersicht

  • Schneesport – Von den Anfängen bis heute
  • Wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in Österreich
  • Alpiner Skilauf
  • Spezielle Bewegungslehre und Biomechanik
  • Allgemeine Unterrichtslehre
  • Der Schneesportlehrer als Dienstleister
  • Skifahren und Gesundheit
  • Snowboard
  • Kids, Juniors und Teens
  • Freestyle-Ski
  • Freestyle-Snowboard
  • Langlaufen
  • Telemark
  • Schneesport ohne Handicap
  • Alpine Sicherheit

Rezension ausgewählter Themenbereiche

Freestyle, Snowboard, Langlauf oder Telemark mag ich gerne. Sie zählen aber nicht zu meinen Kernkompotenzen. Die Rezension beschränkt sich daher auf Bereiche mit denen ich mich seit Jahrzenten intensiv und laufend auseinander setze.

Der österreichische Skilehrweg

In vier Stufen – grün, blau, rot, schwarz – soll vom Anfänger – erste Schritte (grün) bis zum Experten – Carven & Rennlauf (schwarz) unterrichtet werden.

Natürliches Skifahren – das hat mich neugierig gemacht

Rudi Lapper, verantwortlich für den Teil Ski Alpin, wurde in diversen Medien zum neuen Lehrplan zitiert:

„In Zukunft fährt man möglichst natürlich durch den Schnee.“

Die Erklärungen und Abbildungen zeigen allerdings schon ab dem Einsteiger-Bereich alles andere als eine natürliche Herangehensweise. Immer noch präsentiert man eine bucklige Haltung mit angespannter Schulter- & Arm-Partie und züchtig gesenktem Kopf. Immer noch wird viel von Aussenski-Belastung und alpinem Fahrvehalten gesprochen. Schon beim Pflug.

Die Anleitung zum natürlichen Skifahren gibts aber doch. Man findet sie auf Seite 248 in der „Kinderabteilung“:

„Sobald das sichere Bremsen erlernt wurde, müssen die Kinder nur mehr lernen, einmal den rechten und einmal den linken Fuß in die vorgegebene Richtung zu drehen und dabei auf den jeweiligen Ski zu drücken.“

Der Erwachsenen-Unterricht kann durchaus mit Überlegungen aus den Anleitungen für Kinder und Jugendliche bereichert werden. Wenn Hans nicht lernt, sollte er es  Hänschen nachtun.

Carven – neue Terminologie!

Bemerkenswert ist eine Veränderung der Terminologie: in der vorangehenden Ausgabe des Lehrplans wurden „Carven“ und „Skifahren“ synonymisch verwendet.

„Carven aus der Winkelstellung“ = eine Kurve im Pflug fahren

Viele Experten fragten sich damals staunend ob die österreichische Skilehrerschaft eine neue Möglichkeit des Carvens entdeckt hätte oder ob es sich eher um einen auf österreichische Bedingungen zugeschittenen Pragmatismus handelte:

„Die meisten schneiden sowieso nicht, dann geben wir sowohl ihnen als auch den Lehrern ein praktisches Kompromiss-Tool.“

Ausserhalb der österreichischen Skilehrerschaft war und ist man sich schon immer einig. Jetzt ist es auch im Österskireich amtlich:
Carven/Carving = „geschnittene Kurven fahren“

Und was jetzt, mit dem Carven?

Schön und gut, wenn Carven endlich das bezeichnet was es wirklich ist. Aber wie sieht es im neuen Lehrplan aus? Carven in all seinen Varianten und Spielformen kommt viel zu kurz!

Das Technikleitbild (Seite 94) wurde aus dem Vorgänger-Werk übernommen. Carven in langen Radien wird ausschliesslich der Vorbereitung auf den Riesenslalom und dem sportlichen sicheren fahren auf harten Pisten geschuldet. Carven in kurzen Radien wird nur mit dem Durchpendeln der gebeugten Beine unter dem ruhigen Oberkörper verknüpft.
Während das Thema nach wie vor wie eine heisse Kartoffel gehandhabt wird, geht die Entwicklung natürlich weiter!

Bewegungslehre und Biomechanik

Grau ist alle Theorie, am grauesten die vom Ski. Selbstverständlich gehört eine Portion Know How wie das Skifahren funktioniert, zum Basis-Wissen für jeden Skilehrer. Zweifelhaft scheint ob die Aufbereitung der Biomechanik im aktuellen österreichischen Lehrmittel bei allen Schneepädagogen für Erhellung sorgt.

Sollten nicht endlich die wichtigsten Grundlagen der Physik im Schneesport für alle österreichischen Schneesportlehrer leichter zugänglich und möglichst einfach und verständlich erklärt werden? Ein Beispiel wohin der Weg führen könnte, liefern die Kollegen aus der Schweiz:
Biomechanik im Schneesport – www.snowsports.ch

Allgemeine Unterrichtslehre

Wer auf den Seiten 143 – 148 nicht genug Infos zur Didatik findet – was bei so einem umfassenden Thema auf fünf Seiten kaum verblüfft – sollte unbedingt querlesen. Das Kapitel Schneesport ohne Handicap kann weiterhelfen.

Bettina Mössenböck geht vorbildlich auf spezielle Probleme ein und erklärt klipp und klar methodische Besonderheiten. Ein Ansatz der im Unterricht für Menschen mit und ohne Amputationen, uneingeschränktem oder eingeschränktem Hör- Seh- oder Lernvermögen gleichermassen Gültigkeit hat.

Skifahren und Gesundheit

Das ist ja eine vielversprechende Kapitelüberschrift. Gesundheit spielt schließlich in jeder Sparte des Freizeitsports eine wichtige Rolle. Durchaus interessant sind die Studien, die hier besprochen und erläutert werden. Doch der Leser wird vergeblich nach Informationen suchen, die ihm in der Praxis wirklich helfen – ausser vielleicht beim Lift-Smalltalk mit einem Sportmediziner 😉

Antworten zu Fragen, die am Berg und im Schnee ständig auftauchen – etwa zu Schneesport in großer Höhe oder bei Kälte, über Skifahrer-Ernährung, Anzeichen für Übermüdung, was Aufwärmen oder Durst bewirkt – findet man nicht.

Das Fazit der Autoren: Skifahren ist Gesund! Das Fazit der Rezensorin zu diesem Kapitel im Kontext mit der Absicht des Buchs: Thema klar verfehlt.

Abschwung. Schluss. Punkt.

Der Abschwung der Skibranche wird viel besprochen. Ob das neueste Schneesport-Lehrmittel dagegen wirkt? Die Neuauflage des „Skilehrplans“ ist jedenfalls, wie schon seine Vorgänger, keine leichte Kost und auch nicht für Ski-Laien gemacht. Menschen, die sich eingehend mit der Entwicklung des österreichischen Schneesport-Lehrwegs auseinander setzen wollen, gehören neben den Schneesport-Pädagogen eher zur Zielgruppe der Herausgeberschaft.

Am Schluss aber nicht zuletzt ist eines ganz positiv zu bemerken: der Anstieg des Autorinnen Anteils – die Schneesportlehrer-Ausbildung gilt nach wie vor als „Männerdomäne“.

Punkt für Punkt hinterfragen und diskutieren? Dafür steht die Kommentarfunktion am Seitenende jederzeit zur Verfügung.

Snowsport Austria - Kompetenz im Schneesport
Snowsport Austria
Die Österreichische Skischule
Kompetenz im Schneesport
Der österreichische Schneesportlehreweg – Vom Einstieg zur Perfektion in vier Stufen
Hrsg. Österreichischer Skischulverband verteten durch Richard Walter
Verlag Brüder Hollinek
ISBN: 978-3-85119-306-0
Erscheinungsjahr: 2015
Ausstattung: 526 Seiten, Hardcover, 3. Aufl. 2015
Preis € 69,-


 

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