Die Ski Deutungshoheit liegt beim Anwender

Ski Deutungskonflikt

Wie zu Zdarskys Zeiten schon, entwickelt sich rund um den neuen österreichischen Ski-Lehrplan erneut ein Deutungskonflikt für die Gebrauchsweise von Ski. Es ging und geht immer noch um die „Deutungshoheit“ des „richtigen“ Skifahrens. Ausrüstung, Fahrtechnik & Lehrweise gepaart mit Erstansprüchen – im Fokus der Ski Deutungskonflikt.

Diese und ähnliche Schlagzeilen veranlassen zur Zeit zum Staunen, Kopfschütteln und Fragen:

Carving ist Schnee von gestern!

„Natürliches Skifahren“ nennt sich der neue Fahrstil, den der Österreichische Skilehrerverband beim Interski-Kongress in Argentinien vorgestellt hat. „Alle Skianfänger sollen künftig in diesem Fahrstil unterrichtet werden“, erklärt Schultes, Leiter der Skischule Hochzeiger im Pitztal. Schultes rechnet damit, dass der „natürliche Stil“ binnen zwei Jahren in allen österreichischen Skischulen zum Programm gehört. Der Carving-Skistil, der seit langer Zeit gelehrt wurde und dem die Masse der Skifahrer auch folgt, ist dann Schnee von gestern.
Tiroler Tageszeitung, 4.3.2016

Erklärt der Österreichische Skischulverband einen der größten Milestones des alpinen Skiports für out?

Masst man sich im österreichischen Skilehrwesen einmal mehr die Deutungshoheit für das richtige Skifahren an?

Hat man hierzulande noch nicht bemerkt, dass aufgeschlossene Skipädagogen seit Jahrzehnten eine freie und natürliche Technik vermitteln?

Zum Einlesen:

Rückblick von Z wie Zdarsky bis C wie Carving

Skisstreit mit Duell-Forderung

Der Konflikt um die richtige Ski-Technik begann 1896 mit der Veröffentlichung Zdarskys erstem systematischen und methodisch durchdachten Ski-Lehrplan für den alpinen Gebrauch von Ski.  „Die Lilienfelder Skifahr-Technik“ löste Methodenstreits aus, die sogar in Duell-Forderungen endeten.

Eitle Ski-Krieger

Die Kontroversen, stets geprägt und begleitet von wirtschaftlichen Interessen, Eitelkeiten und Hegemonie-Ansprüchen, überdauerten zwei Weltkriege. Auch danach flogen im Kampf um die Deutungshoheit für Ski-Methodik auf nationalen und internationalen Ski-Kongressen ordentliche Fetzen.

Ein Skipapst als Feldherr

Massgeblich an den Streitereien waren immer Österreicher und Deutsche beteiligt. Von 1934 – 1972 führte Stefan Kruckenhauser Österreichs Ski-Generalstab an und recht kampflustig von Symposium zu Symposium. Krucks Methodik zeichnete sich nicht durch ihren natürlichen Stil aus.

Protagonisten einer weniger komplizierten Technik, wie etwa Hans Zehetmayer oder Fritz Baumrock, wurden sogar aus dem Lehrplan-Team für Berufsskilehrer ins Exil des Schul- und Vereinslehrwesens verbannt.

Carving in Deutschland unerwünscht

Auch Walter Kuchler, Mitglied der Lehrplankommission im Deutschen Verband für das Skilehrwesen von 1966 bis 1988, wurde dort ausgeschlossen, als er ein radikal anderes Konzept vertrat.

  • Schnell erlernbare Grundlagen für frühe Fahrfreude
  • Körperfreundliche Bewegungen zur Vermeidung von Schäden und Folgeschäden
  • Fantasievoll abgewandelte Fahrformen für Fahrfreude und als Anreiz zu ständigem Weiterlernen
  • Freiheit zu individuellen Fahrformen und individuellem Fahrstil auf allen Könnensstufen (Ausbildung einer individuellen „motorischen Persönlichkeit“)

Übrigens: Kuchlers Konzept, das damals im Zeitgeist lag und heute noch immer liegt, trug massgeblich zur Entwicklung von tailliertem Skimaterial und neuen Unterrichtsformen bei.

Die Vorzüge von taillierten Skis in Österreich ignoriert

Peter Schröcksnadel meinte 1996, dass Carving-Skis zwar eine tolle Sache wären, er sie aber für den Rennsport verbieten werde. Altgediente Ski-Größen rümpften zumeist die Nase über Konkurrenz aus dem Freizeitsport, die sich über die Entdeckung der Skikante durchaus begeistert zeigte.

Last not least: Das österreichische Skilehrwesen hält bis heute – ganz anders als andere Ski-Nationen, die bereits vor Jahren komplizierte Hindernisse aus ihren Lehrmitteln ersatzlos strichen – am dominierenden Aussenski fest. Und auch m Rückbau der Carvingeigenschaften für Rennski war die österreichische „Ski-Kompetenz“ massgeblich beteiligt.

Lächelnd Kurven fahren statt Ski Deutungskonflikt

Im Rennlauf wird die Diskussion um den Rückbau der Ski noch aufrecht bleiben. Im Freizeit-Sport hat sich die Kurvendiskussion der Fachleute längst erledigt. Wenn die rot-weiss-rote Skilehrerschaft dem Wunsch ihrer Klientel nach unkompliziertem Freizeit-Sport nun endlich Gehör schenkt, geschieht das weniger aus einer tiefen Einsicht und mehr aus Wirtschaftsstrategie.

Als neue Erfindung wird sich der natürliche Skistil 2.0. auch im Gewand des „Schönskilaufs“ nicht nahhaltig verkaufen lassen.

Zum Nachlesen.

Natürliches Skifahren: Basics

Die Taillierung hinterlässt Spuren!

Dass sich in den vergangenen 25 Jahren mit der Entwicklung von stärker taillierten Ski, eine selbständige natürliche Skifahr-Technik entwickelt hat, die mit parallelkantigen Skis so nicht möglich war, kann niemand bestreiten. Das ist eine Tatsache, die jederzeit und auf allen Pisten der Welt ihre Spuren hinterlässt.

Spuren im Schnee zeigen den Fortschritt beim Skifahren

Skieigenschaften wirken

Die „geschnittene Kurve“ war mit geringer Sidecut Tiefe tatsächlich nur am High-End des Skikönnens möglich. Das hat sich verändert. Nicht, dass sich jetzt jeder Ski-Novize am Übungshang gleich in paralleler Skistellung carvend um die Kurve bewegt. Aber man müsste Grundlagen der Physik verleugnen, wenn man der Skiform ihre grundsätzliche Wirkung – auch im Anfängerbereich – abspricht.

Die Skigeometrie und andere Konstruktionseigenschaften, sind immer wirksam. Man kann sie zwar unterschiedlich aber auf jedem Könnenslevel nutzen.

Taillierung hilft auch Beginnern

Skigeometrie unterstützt alle Könnenslevels

HENRIK KRISTOFFERSEN by Tirol-Foto

GS Style 2016 ©tirolfoto.at

Die Ski-Taille, eine hilfreiche Freundin

Sobald eine Ski-Kante greift, fährt der Ski automatisch in ihre Richtung. Das war schon immer so. Damit aus dem damit oft verknüpften Verkanten, eine angenehme Wirkung wird, hat man sich der Ski-Taillierung rückbesonnen. Am Konstruktionsradius und allen die Autokinetik unterstützenden Parametern wird übrigens schon seit den 1970ern getüftelt.

Grundfunktionen des taillierten Skis from Kunstpiste Skimagazin on Vimeo.

Das A&O zum effektiven – kraftsparenden – dynamischen Einleiten einer Richtungsänderung spürt jedes Kleinkind, wenn es in Ruhe und auf einem gut geeigneten Hang mit Skis spielen darf.

Die natürliche Kurve

Vor allem Kinder kurven uns natürliches Skifahren eindrucksvoll vor. Sie drehen den Körper in die Kurve. Alles andere geht von selbst:

das Gewicht verlagert sich automatisch auf den Innenski

Der Aussenski wird automatisch mehr aufgekantet

Die Ferse des äusseren Beines schiebt sich von selbst nach aussen.

Sobald die Taillierung greift, geht es automatisch um die Kurve.

max-first-race

Schon vor 30 Jahren: Innen-Bein gebeugt. Außen-Bein gestreckt. Gewicht auf dem inneren Bein, und los gehts!

Die geschnittene Kurve

Damit Skis auf der Kante um die Kurve „ziehen“, muss durch Aufkanten ein Schneekeil entstehen – je grösser der Aufkantwinkel desto tiefer der Keil. Man muss solange abwarten, bis man spürt, dass der Ski am Keil genug Widerstand findet um als Fahrer aktiv den Druck zu erhöhen und so den gewünschten Kurvenradius und die geeignete Geschwindigkkeit zu erzielen.

Wer schneiden will muss spüren!
Auch die geschnittene Fahrweise, kann mit natürlichen und kraftsparenden Bewegungen einher gehen. Die wichtigsten Komponenten für eine geschnittene Fahrweise sind gutes Timing und ein Gespür für den Druckaufbau des Skis. 

Sidecut und Flex sind hilfreiche Tools

Je geringer der Sidecut desto flexiblere Biege-Eigenschaften am Ski und Muskelkraft, Geschwindigkeit & Kurvenlage sind erforderlich um den Ski auf der Kante zu führen. Momentan lässt sich das gut im Rennlauf beobachten, besonders im Riesenslalom.

MARIA PIETILAE HOLMNER © Tirolfoto.at

MARIA PIETILAE HOLMNER im GS 2016 © Tirolfoto.at

 Rennlauf kein Vorbild für Freizeitsport

Der Verringerung des Sidecut durch das FIS Reglement, wird einerseits zwar mit veränderten Flexparametern entgegengewirkt, andererseits wird aber wieder viel mehr gedriftet als vor der „Beschneidung“ von GS Skis. Die Kurventechnik im Riesenslalom, über Jahrzehnte auch für Laien am ehesten nachvollziehbar, ist so komplex geworden, dass sie für lernwillige Freizeitskifahrer nicht mehr als Vorbild herangezogen werden kann.

Das rot-weiss-rote Ski-Dilemma

Alles Walzer – Carving als Markenbegriff

Carven wurde von der österreichischen Skilehrerschaft erst 2001 offiziell als Thema aufgegriffen. Der damals erstellte Ski-Lehrplan, der 15 Jahre lang als verbindliches Lehrmittel diente, benannte nach jahrelanger Ignoranz, kurzerhand den gesamten „Ski-Lehrweg“ mit Ausdrücken rund um das Carven.

Carven nimmt eine zentrale Position im aktuellen österreichischen, Skilehrweg ein und wird im Sinne des roten Fadens in jeder der drei Ausbildungsstufen konsequent auf dem passenden Fertigkeitsniveau entwickelt. […]
Carven beginnt im österreichischen Skilehrweg mit dem Einsatz gleicher Kanten zum gezielten Steuern der Ski. Bei niederem Fahrtempo ist dies im Lehrziel „Carven Grundstufe“ gegeben, wobei die WinkelsteIlung der Ski die Auslösung der Kurve bei geringer Geschwindigkeit unterstützt. […]
Jeder/e engagierte Skifahrerln will heute CARVEN, so wie früher das Wedeln von vielen angestrebt wurde. CARVEN ist somit nicht nur moderne Skitechnik, sondern auch ein Markengbegriff im Angebot unserer Skischulen geworden.
Österreichischer Skilehrplan – Ausgabe 2009

Keiner der sich ernsthaft mit der Entwicklung von Carving-Skis und ihren skitechnischen Möglichkeiten beschäftigt hat, ist je auf die Idee gekommen zwischen „herkömmlichem Skifahren“ und Carving zu unterscheiden. Den simplen Pflugbogen als „Carven aus der Winkelstellung“ zu bezeichnen – nun ja, darüber wurde diskutiert und auch gelacht.

Wir sprechen nicht mehr von Schnallenskischuhen oder vom Farbfernseher. Auch taillierte Ski sind uns so selbstverständlich geworden wie das Synchron-Getriebe im Auto.
nw 1997

So könnte man schließen, dass die Auffassungsproblematik im österreichischen Skilehrwesen auf der Annahme aus den 1990ern beruht, wonach stark taillierte Ski lediglich ein Trend gewesen wären. Ihren Stellenenwert in der Evolution des Skifahrens hat man lange  – bis heute? – nicht erkannt.

Schönskilauf & Förmchenfahren

Es wundert nicht, dass der „Schönskilauf“ – einst Liebkind von Stefan Kruckenhauser, jetzt dem Skipapst zu Ehren im neuen Lehrmittel immer noch aber gerade einmal in zwei Absätzen abgehandelt – von einem Förmchenfahrer als Marketing-Mittel herangezogen wird.

Schmalspur Schönskifahrer

Rainer Schultes, Skischulleiter aus dem Pitztal konnte auf Skitechnik-Demos und beim Synchron-Schwingen besser als im Rennlauf punkten. Er taucht in jedem Artikel zum neuen Lehrplan mit bemerkenswerten Aussagen auf:

„Konkret bedeutet der neue natürliche Stil: keine stark ausgerichtete Position des Oberkörpers Richtung Tal.“

Entweder hat der gute Mann die letzten zwanzig Jahre im Pitztal verschlafen oder war so sehr auf die Perfektionierung des eigenen schönen Stils fokussiert? Jedenfalls hat er nicht mitbekommen, dass er der Skiwelt etwas als neu verkaufen will, das sich längst schon etabliert hat.

Die Deutungshoheit, liebe natürlicher-Skistil-Erfinder, liegt nicht mehr bei euch. Werft einen Blick auf die Pisten und ihr könnt sehen, dass sie euch vom Schnee-Publikum längst abgenommen wurde!

Follow-up – 18.03.2004 – Kunstpiste Artikel zum Thema Skilehrwesen

Egal wie!
Die Mehrzahl der Skilehrer auf den Pisten, oder Menschen die sich für solche halten, sind eigentlich Verhinderer des Skifahrens. Egal wie – ob durch Faulheit, Langsamkeit, Scheuklappen oder dem falschen Ski am falschen Fuß.
Ich habe das Carven autodidaktisch gelernt in einem Alter, in dem andere mit dem Skifahren aufhören und es gibt mir sehr viel: mehr Spaß und Erlebnis, weniger Kraftaufwand und Belastung.
Auf der neuen Freestyle-Sau, die da durch das Gelände und den Tiefschnee getrieben wird, werde ich nicht reiten. Dafür hat das arme Tierchen viel zu wenig Auslauf. _gerhard

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