Tirol Olympia-Bewerber 2026

Innsbruck & Tirol Olympia-Bewerber 2026?

In der Politik dominiert durchaus die Erkenntnis, dass es nicht ohne Bürgervotum geht. Werden die Projektplaner, das ÖOC und die Politik tatsächlich anders denken und handeln, als Olympia-Bewerber zuvor?

Die Glaubwürdigkeit des Internationalen Olympischen Komitees und vieler Sportverbände tendiert gegen null. Mega-Events wie Olympia oder Fußball-WM werden vorzugsweise in Diktaturen, Erbmonarchien oder Oligarchien ausgetragen, dazu steigen die Kosten ins Unermessliche.
Jens Weinreich – Das Spiel mit den Spielen, Die Presse

Tendenz: keine Olympischen Spiele in der eigenen Region

Die Mega-Events des IOC bleiben aus vielerlei Gründen ein gigantisches Problem. Nach dem Rückzug Budapests gibt es nur noch zwei Kandidaten für die Sommerspiele 2024: Los Angeles und Paris. Doch auch in der französischen Hauptstadt wächst der Widerstand.

In demokratisch verfassten Gesellschaften sind Olympische Spiele offenbar kaum noch zu vermitteln. Vor allem die Winterspiele, wo aus geografischen Gründen ohnehin maximal zwei Dutzend Nationen als Gastgeber in Frage kommen, werden von der Bevölkerung der Regionen kaum mehr goutiert.

Volksbefragung „Olympia 2026“

1993 und 1997 sind in der Tiroler Landeshauptstadt zwei Volksbefragungen zu Olympia gescheitert. Jetzt will man es erneut wissen. Das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) will gemeinsam mit der Politik eine neuerliche Olympia-Bewerbung initiieren.

„Soll das Land Tirol ein selbstbewusstes Angebot für nachhaltige, regional angepasste sowie wirtschaftlich und ökologisch vertretbare Olympische und Paralympische Winterspiele Innsbruck-Tirol 2026 legen?“

So lautet die Frage, die den Tirolern am 15. Oktober im Zuge der Nationalratswahlen 2017 gestellt wird. Suggestiv und Verfassungswidrig, finden die Gegner die Formulierung. Mutig und entschlossen, meinen die Befürworter.

Transparenz und Offenheit

Abseits der Fragestellung, sei sie nun manipulativ oder nicht, gilt es auch zu hinterfragen ob die Machbarkeitsstudie selbst nicht Ungereimtheiten aufweist. Die Chance zur Erneuerung des olympischen Konzepts, kann durch die Krise durchaus gegeben sein. Wenn man es ehrlich angeht und mit den bislang gängigen intransparenten Praktiken bricht. Und nur dann.

Offene Fragen:

Ist Olympia in Innsbruck Routine?

Viele Befürworter führen ins Treffen, dass Innsbruck bereits viel Erfahrung als Ausrichter von Olympischen Winterspielen hat. Zwölf Jahre lagen zwischen den ersten beiden Spielen in der Region der Landeshauptstadt. Nun sind es fünfzig und viele große Veränderungen. Das sollten alle, die sich gerne an die vergangenen Spiele erinnern unbedingt bedenken.

OLYMPIASTADT INNSBRUCK

  • 1964 – Innsbruck I.
    36 Nationen mit 1091 Athleten suchten ihre Sieger in 34 Bewerben.
  • 1976 – Innsbruck II.
    Denver gab die Spiele zurück, Innsbruck war bereit. 37 Nationen mit 1261 Athleten waren in Tirol, es gab 37 Bewerbe.
  • 2026 – Innsbruck III.
    Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi wurden 98 Wettbewerbe in sieben Sportarten und 15 Disziplinen ausgetragen. 2861 Teilnehemer aus 88 Nationen waren am Start.
    Das Programm wurde für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang auf 102 Wettbewerbe bei unveränderter Anzahl der Sportarten und Disziplinen erweitert.
    Es ist davon auszugehen, dass weder die Teilnehmer- noch die Wettbewerbszahl sinken wird. Der sportliche Umfang wird von 1976 auf 2026 mehr als nur verdoppelt werden.

Sicherheit

Bei den olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, wurden wegen des Terrorakts in München, erstmals umfassendere Präventivmassnahmen zur Erhöhung der Sicherheit von Athleten eingeführt. Im Vergleich zu zeitgemässen Anforderungen scheinen sie in der Retrospektive reichlich amateurhaft. Zwei Buben konnten in den höchsten Sicherheitsbereich des olympischen Dorfs durch die Kanalisation eindringen.

Die Sicherheitskosten bei Olympischen Spielen werden ein immer größeres Thema, weil die Welt unruhiger wird. Es geht nicht um die Ordner in Stadien und Sportstätten. Sie fallen in den Organisationsetat. Es geht um Polizei, Bundesheer und Geheimdienste. In London stiegen die Sicherheitskosten kurz vor den Spielen rasant. Am Ende standen eine Milliarde Euro. Bei den Winterspielen in Sotschi wurde es doppelt so teuer.

In der Machbarkeitsstudie bleibt die Einschätzung der Sicherheitslage und die damit verbunden Kosten, die auf den Bund und damit auf alle Steuerzahler zukommen würden, offen.

Kosten für die Bewerbung

300.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie, 400.000 Euro für die Informationsveranstaltungen und mindestens 15 Mio Euro für die Bewerbung.

Die Werbungskosten werden aus „nichtöffentlichen Mitteln“ bezahlt, behaupten Platter und das ÖOC. Das kann man so sehen, muss man aber nicht.
Denn die ITS wurde aus den Überschüssen der Innsbruck-Tirol Olympische Jugendspiele 2012 GmbH (YOG) finanziert. Der Tiroler Landesrechnungshof hat festgestellt, dass in das YOG-Budget von 24 Millionen Euro mehr als 16 Millionen Euro an Subventionen von Innsbruck, Tirol und dem Bund flossen. Sechs Millionen Euro kamen vom IOC. Die sonstigen Erträge betrugen rund zwei Millionen Euro. Der Schluss liegt nahe, dass die Gesellschafter alle Förderungen aufbrauchten und bloß von den Sponsorengeldern etwas übrigblieb.
Johann Skocek – Tiroler Filzwerke, Der Falter 11.10.2017

Relevante Bereiche nicht beleuchtet

Bereits im Juni 2017 wies Fritz Neumann im Der Standard auf Mängel in der Machbarkeitsstudie hin. Demnach hielt Platter seinerzeit fest, dass „alle“ für eine Olympiabewerbung relevanten Bereiche beleuchtet werden. Doch genau das ist nicht passiert.

Allein der Punkt „Sportstätten“ stellt Tirol vor kaum lösbare Probleme. Mehrere große Hallen, vor allem für Eishockey und Eiskunstlauf, fehlen. Die „Machbarkeitsstudie“ sieht die 7.200 Zuseher fassende Olympiahalle als Austragungsort für Eiskunstlauf, Shorttrack und das Eishockeyfinale vor, nimmt die Unterschreitung der IOC-Norm (12.000 Zuseher) „bewusst in Kauf“. Als Eishockey-Vorrunden-Spielorte werden „bestehende Hallen im Umfeld von Tirol“ vorgeschlagen, also „Bozen, Salzburg, München, Dornbirn, Feldkirch, Klagenfurt und Wien“. Doch auch dort gibt es keine geeigneten Hallen.
Fritz Neumann – Vorolympische Disziplin: Hinbiegen, derstandard.at 22.6.2017

Faktor Kostenüberschreitung

Olympische Spiele werden immer teurer als geplant. Eine Studie der Universität Oxford belegt, dass die durchschnittliche effektive Kostenüberschreitung bei Olympischen Spielen 252 Prozent beträgt. Dass ausgerechnet in Österreich nicht mit Kostenüberschreitung zu rechnen ist, wäre dann doch überraschend. Wir erinnern uns an die Ski-WM 2013 in Schladming und die vernichtende Kritik des Rechnungshofs: Steuermillionen wurden ohne Kontrolle und Überprüfung der Sinnhaftigkeit in Prestigeprojekte gesteckt. Niemand hatte einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der Kosten.

Die Hoffnung stirbt zu letzt

Ich war mit siebzehn Jahren bei den olympischen Spielen in Innsbruck am Start. Neben der sportlichen Herausforderung ist mir vor allem der Austausch mit Athletinnen und Athleten aus anderen Disziplinen und Ländern in sehr guter Erinnerung geblieben. Innsbruck war Gastgeber einer gelungenen Sportveranstaltung, die viele Menschen aus aller Welt bewegt hat. Innsbruck, im übrigen die Heimat meiner Vorfahren und meine Geburtsstadt, hat das Zeug dazu eine Trendwende für Olympische Spiele einzuleiten.

Moderne Spiele ohne Schnee von gestern!

Dazu wird der Filz gründlich aufgelöst und die Bekenntnis zu transparenter (Sport)-Politik selbstverständlich werden müssen. Wenn die Zeit reif ist, wird man mit geeigneten Studien und Konzepten vielleicht überzeugen können. Bis dahin wird noch allerhand Neuschnee auf die Nordkette fallen müssen.

Mander lassts euch Zeit!

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